10 ERSTAUNLICHE FAKTEN ZUM ATTENTAT VON SARAJEVO

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Attentat von Sarajevo – Zeichnung aus einer Österreichischen Zeitung von 1914

Sonntag, 28. Juni 1914 |
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Dieses Bild zeigt NICHT die Festnahme von Gavrilo Princip nach dem Attentat von Sarajevo, auch wenn es häufig so ausgewiesen wird; auch ersterweltkriegheute.de ist diesem weit verbreiteten Irrtum zunächst aufgesessen. Zwar stimmen die Angaben zum Tag und Ort der Aufnahme. In Wahrheit handelt es sich hier aber um die vorläufige Festnahme von Ferdinand Behr, einem am Attentat unbeteiligten Einwohner von Sarajevo. Anm. d. Red.: Dank eines entsprechenden Userkommentars wurde die bisherige Bildunterschrift am 01.12.2014 korrigiert.

Im Schnelldurchlauf: Der Thronfolger von Österreich-Ungarn und seine Frau werden am Sonntag, den 28. Juni 1914 in Sarajevo vom Terroristen Gavrilo Princip erschossen; kaiserlich und königliche (k. u. k.) Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, für deren Vielvölkerstaat es in den letzten Jahrzehnten nicht so gut lief (Spötter erläutern die Abkürzung k. u. k. auch gerne mit den Worten “Krise und Konkurs”) begrüßt das nicht und würde gerne die Gelegenheit nutzen mal ordentlich auf dem Balkan aufzuräumen; das finden Russland und ein paar andere europäische Länder ihrerseits nicht begrüßenswert; allgemeine Krise in Europa – auch Julikrise genannt – folgt; das Deutsche Kaiserreich verbündet sich mehr oder weniger freiwillig mit Österreich-Ungarn; Serbien, das über mehr oder weniger offizielle Kanäle hinter dem Mord am Thronfolger stecken soll, wird genau einen Monat nach dem Attentat von Sarajevo der Krieg erklärt; irgendwie haben jetzt auch alle anderen Mächte in Europa das Gefühl man müsse bei dieser kriegerischen Auseinandersetzung mitmachen; der Erste Weltkrieg bricht aus. Alles begann mit dem Attentat von Sarajevo.

Und jetzt noch mal langsam und mit Highlights

Auf ersterweltkriegheute.de erscheint ab heute täglich ein Beitrag, der sich mit einem Ereignis aus dem Ersten Weltkrieg am jeweiligen Tag vor 100 Jahren beschäftigt. Heute, am 28. Juni 2014 soll es also um den 28. Juni 1914 und das Attentat von Sarajevo gehen!

1. Der 28. Juni war schon vor dem Attentat von Sarajevo nicht Franz Ferdinands Glückstag

By Austro Hungarian official court photographer [Public domain], via Wikimedia Commons

Die Familie des Erzherzogs vor dem Attentat von Sarajevo: Von links nach rechts: Ernst von Hohenberg (*1904), Sophie von Hohenberg (*1901), Franz Ferdinand von Österreich-Este, Sophie von Hohenberg, Maximilian von Hohenberg (*1902)

Zwei Pistolenschüsse verletzten Erzherzog Franz Ferdinand, den fünfzigjährigen Thronfolger der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, und seine Frau Sophie am sonnigen Vormittag des 28. Juni 1914 in Sarajevo tödlich. Definitiv kein guter Tag für die Eltern von drei Kindern. Aber auch schon in den Jahren vor dem Attentat von Sarajevo war der 28. Juni für Franz Ferdinand und Sophie nicht mit glücklichen Erinnerungen verbunden. Am selben Tag, 14 Jahre zuvor, hatte der Onkel Franz Ferdinands, Kaiser Franz Joseph I., seinen Neffen dazu gezwungen, seine noch nicht einmal geborenen Kinder vorsorglich von der Thronfolge auszuschließen. Franz Ferdinand heiratete nämlich drei Tage später, am 1. Juli 1900, gegen den Willen seiner habsburgischen Superadelsfamilie, die als unstandesgemäß geltende Sophie Chotek – aus Liebe. Sophie Chotek war zwar nicht gerade eine Bürgerliche, aber eine Ehe mit einer Gräfin aus verarmter böhmischer Adelsfamilie, die sich noch dazu als Hofdame verdingt hatte, war dennoch Grund zur Aufregung. Der Kaiser machte aus ihr trotzdem eine Herzogin, denn sonst hätte es das spanische Hofzeremoniell nicht einmal gestattet, dass er mit der Frau seines Thronfolgers am selben Abendessenstisch sitzt. Aber besonders würdevoll ist man mit Sophie aufgrund ihrer Herkunft am österreichischen Hof wohl nie umgegangen. Bei kaiserlichen Banketten durfte sie beispielsweise nicht mit ihrem Mann den Festsaal betreten, sondern musste als Letzte gehen – nach einer langen Reihe ziemlich junger und ziemlich unverheirateter adliger Damen. Und Franz Ferdinand durfte seine Frau bei offiziellen Ansprachen nicht einmal erwähnen – so auch bei einer Ansprache bei einem Empfang am Vorabend vom Attentat von Sarajevo. Die Namen der gemeinsamen Kinder, Sophie (*1901), Maximilian (*1902) und Ernst (*1904) wurden daher nie auf die Thronfolgeliste der 800 Jahre alten Habsburgerdynastie gesetzt.

Das muss für Franz Ferdinand eine schwere Situation gewesen sein, nicht zuletzt, weil er als sehr liebender und fürsorglicher Familienvater galt. Am Morgen vor dem Attentat von Sarajevo telegraphierte er den drei Teenagern noch mit Vorfreude auf die geplante Heimkehr am Dienstag: “Befinden von mir und Mami sehr gut. Wetter warm und schön. Wir hatten gestern großes Diner und heute vormittags den großen Empfang in Sarajevo. Nachmittags wieder großes Diner und dann Abreise. Umarme Euch innigst. Dienstag. Papi.” Andere Leute hatten allerdings bereits andere Pläne für den Erzherzog.

2. Die Kerngruppe des Attentats von Sarajevo war aus Belgrad angereist

By Unknown photographer, 1910s (http://humus.livejournal.com/2181956.html) [CC0], via Wikimedia Commons

Vor dem Attentat von Sarajevo (von links nach rechts): Nedjelko Čabrinović, Trifko Grabež, Gavrilo Princip

Während der fünfzigjährige Thronfolger schon die Heimreise vorbereitete, begann für drei junge Männer aus Belgrad erst der interessante Teil ihres Ausflugs nach Sarajevo. Gavrilo Princip, Nedjelko Čabrinović und Trifko Grabež befanden sich seit Anfang Juni in der Stadt, die ihrer Meinung nach zu Unrecht im Jahr 1908 zusammen mit den restlichen Gebieten Bosnien-Herzegowinas an das Großreich Österreich-Ungarn angeschlossen worden war. Alle drei waren bosnische Serben mit Hipster-Schnurrbärten und guten Kontakten zu den radikalen serbisch-nationalistischen Untergrundorganisationen Narodna Odbrana (Nationale Verteidigung) und Ujedinjenje ili Smrt (Vereinigung oder Tod bzw. Schwarze Hand), die ihnen Waffen besorgt, Schießunterricht gegeben und sie Ende Mai 1914 von Serbien nach Bosnien-Herzegowina geschleust hatten. In Sarajevo sollten sie mit der Hilfe weiterer Mitverschwörer den bereits seit März desselben Jahres angekündigten Besuch Franz Ferdinands abwarten, ihn als – nach Kaiser Franz Joseph I. – zweitwichtigstes Symbol der verhassten Monarchie Österreich-Ungarns töten und damit zu serbischen Nationalhelden werden. Die Tatsache, dass Erzherzog Franz Ferdinand die erzwungene Angliederung Bosnien-Herzegowinas an Österreich-Ungarn selbst nicht für die großartigste Idee des Planeten hielt, hätte die Entschlossenheit der drei jungen Männer vermutlich kaum geschwächt.

Um ihren Plan in die Tat umsetzen zu können, hatte sie ein Freund in Belgrad vor der Abreise gegen die Bezahlung von 150 Dinar mit ein paar Hilfsmitteln ausgerüstet:

  • Vier Browning Pistole mit Munition,
  • Sechs Bomben,
  • Kaliumcyanidkapseln für den Biss in den Märtyrerfreitod.

Dieses beeindruckende Waffenarsenal hatten Princip, Čabrinović und Grabež aber vorsichtshalber nicht direkt von Belgrad nach Sarajevo mitgebracht.

3. Abholung mit einer Schachtel Zigaretten, Transport in Zucker: Der skurrile Weg der Tatwaffe

Die drei aus Belgrad angereisten Attentäter ließen ihr Arbeitswerkzeug auf halben Weg zwischen ihrer Heimatstadt und dem Ort des geplanten Attentats in der Stadt Tuzla auf dem Dachboden ihres Freundes Miško Jovanović zurück. Nachdem sie Anfang Juni in Sarajevo angekommen waren, schickten Princip, Čabrinović und Grabež ihren dort lebenden Mitverschwörer Danilo Ilić los, um die Waffen unauffällig bei Jovanović in Tuzla abzuholen.

By The Century Dictionary and Cyclopedia, Vol X, Map No. 89, Copyright 1897 and 1902; Cyclopedia itself, Copyright 1889, 1890, 1891...1904, The Century Co., New York. Drawings added by Wikipedia user en:User:Werchovsky [Public domain], via Wikimedia Commons

Transport der Waffen für das Attentat von Sarajevo von Belgrad nach Sarajevo

Als Erkennungszeichen sollte Ilić dem Hüter der Waffen eine Packung Stephanie-Zigaretten vorlegen. Als Ilić befürchtete er könne in Tuzla zu sehr auffallen, da ihn dort niemand kannte, bat er Jovanović die Waffen für ihn noch etwas weiter, bis zum Ort Doboj, zu befördern und erst dort die Übergabe stattfinden zu lassen. Jovanović war einverstanden und versteckte die Waffen für den Transport in einer Dose Zucker. Die Tarnung funktionierte so gut, dass selbst Jovanović zeitweilig vergessen zu haben schien, was sich in der Zuckerdose befand, denn er ließ sie unterwegs ein paar Mal beinahe stehen, bevor er seine süße Fracht endlich an Ilić übergeben konnte. Ilić schaffte die Waffen für das Attentat von Sarajevo am Montag den 15. Juni 1914 nach ihrer langen Reise endlich in seine Heimatstadt Sarajevo und verstaute sie dort samt Zuckerdose in einer Truhe im Schlafzimmer seiner Mutter.

4. Beim Einkaufsbummel am Freitagabend war noch alles in Ordnung

Knapp zehn Tage nach den Waffen, mit denen man seine Ermordung plante, traf Franz Ferdinand gemeinsam mit seiner Frau Sophie am Donnerstagnachmittag, den 25. Juni in seinem Hotel in Ilidža ein, das ein paar Kilometer westlich von Sarajevo lag.

By Unknown photographer, 1910s (http://humus.livejournal.com/2181956.html) [CC0], via Wikimedia Commons

Franz Ferdinand von Österreich-Este und seine Frau Sophie von Hohenberg bei der Ankunft in Ilidža am 25. Juni 1914 – drei Tage vor dem Attentat von Sarajevo

Der österreichische Thronfolger mit der ins Krankhafte gehenden Leidenschaft für die Jagd (sein Hobby kostete über 200.000 “Stück Wild” das Leben), musste dort Militärmanövern beiwohnen und anderen Leuten beim Schießen zusehen, statt selbst die Flinte anlegen zu dürfen. Noch konnte er nicht ahnen, dass er selbst bald ins Fadenkreuz genommen werden würde. Als Abschluss seines Bosnien-Besuchs, war für Sonntag ein offizielles Programm in Sarajevo mit Rathausempfang, Museumsbesuch und Mittagessen beim Gouverneur geplant. Es sollte aber gar nicht bis Sonntag dauern, bis Franz Ferdinand und Sophie das erste Mal nach Downtown Sarajevo fahren würden. Am Freitagabend machte das “allerhöchste Paar” eine Shoppingtour durch die Basare der Stadt.

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Sophie von Hohenberg und Franz Ferdinand von Österreich-Este bei einem Spaziergang im Park

Die Stimmung war gut – der Bürgermeister von Sarajevo hatte seine über 50.000 Einwohner zählende Bevölkerung aufgefordert recht nett zu sein – manche Leute hatten sogar Bilder von Franz Ferdinand aufgehängt. Beim Einkaufsbummel durch die engen Straßen Sarajevos hätten die Attentäter auf jeden Fall ausgezeichnete Gelegenheiten gehabt, ihren Plan in die Tat umzusetzen. Immerhin waren Franz Ferdinand und Sophie weitgehend ungeschützt auf offener Straße unterwegs. Hatten die Attentäter von Sarajevo also Freitagabend womöglich schon was Besseres vor?

5. Man hätte Franz Ferdinand auch ein Fadenkreuz auf die Stirn malen können

Anders als der mehr oder weniger spontane Spaßausflug des Thronfolgerpaars nach Sarajevo am Freitagabend, war das Tagesprogramm für den offiziellen Besuch am Sonntag, den 28. Juni 1914 dank haarsträubender Sicherheitsvorkehrungen schon lange im Voraus bekannt – warum sollte man möglichen Attentätern die Arbeit erschweren, wenn man ihnen bei der Vorbereitung eines Mordanschlags auf den Erzherzog auch mit möglichst vielen, öffentlich verkündeten Details zum Staatsbesuch entgegen kommen kann? Franz Ferdinand würde am Morgen am Bahnhof von Sarajevo eintreffen und von dort zum Empfang im Rathaus der Stadt fahren. Die Fahrtroute des Erzherzogs würde mit allergrößter Wahrscheinlichkeit entlang des Flusses über den Appelkai führen. Die Planung der Verschwörer um das Attentat von Sarajevo war dementsprechend vollkommen auf den 28. Juni 1914 ausgerichtet. Insgesamt gingen sieben Attentäter an jenem Sonntagmorgen in Position:

  • Der Kontaktmann in Sarajevo Danilo Ilić, der erst am Morgen desselben Tages die letzten Waffen aus der Zuckerdose an seine Mitverschwörer verteilte,
  • die drei eigens aus Belgrad angereisten jungen Männer Gavrilo Princip, Nedjelko Čabrinović und Trifko Grabež, sowie
  • drei weitere Männer, die Ilić in seiner Heimatstadt rekrutiert hatte: Vaso Čubrilović, Cvetko Popović und Muhamed Mehmedbašić.

Um 9:20 Uhr – nicht einmal zwei Stunden vor dem Attentat von Sarajevo – traf Erzherzog Franz Ferdinand samt Ehefrau und Gefolge mit dem Zug aus Ilidža am Bahnhof von Sarajevo ein, wo er unter anderem vom Bürgermeister Fehim Effendi Čurčić, Polizeichef Dr. Gerde und Gouverneur Oskar Potiorek in Empfang genommen wurde.

By Unknown photographer (1914) (http://humus.livejournal.com/2181956.html) [CC0], via Wikimedia Commons

Ankunft des Thronfolgerpaars am Bahnhof von Sarajevo am 28. Juni 1914 – 100 Minuten vor dem Attentat von Sarajevo

Nach einer kurzen Besichtigung, der zu Ehren der Ankunft des hohen Gastes aufmarschierten Truppen, führte der weitere Weg des erzherzoglichen Staatsbesuchs um kurz vor 10:00 Uhr in einer Wagenkolonne zum Rathaus. Franz Ferdinand und seine Begleiter sollten dieses Ziel nicht ohne Zwischenfälle erreichen.

6. Das “kleine” Attentat von Sarajevo

Ein Konvoi aus fünf Automobilen bewegte sich am Morgen des 28. Juni 1914 entlang der geplanten Route über den Appelkai. Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este fuhr mit seiner Frau, seinem guten Freund Franz Graf Harrach, Gouverneur Potiorek und dem Chauffeur Leopold Lojka im zweiten Wagen der Fahrzeugkette – einem sechssitzigen Doppel-Phaeton der Marke Gräf & Stift mit dem Wiener Kennzeichen A-III-118. Auf eigenen Wunsch fuhr Franz Ferdinand bei offenem Verdeck, damit ihn die Gruppe Schaulustiger und er die Sehenswürdigkeiten der Stadt besser sehen könnte. Muhamed Mehmedbašić und Vaso Čubrilović hätten als erste unter den sieben Attentätern Gelegenheit gehabt, einen Anschlag auf den Erzherzog zu verüben, doch sie benutzten ihre Pistolen an diesem Tag nicht. Erst der dritte Attentäter hielt sich an den Plan.

Christina Kuhrcke Grafik; Karte 10:00 Uhr Attentat von Sarajevo

Karte zum Attentat von Sarajevo, 28. Juni 1914, gegen 10:00 Uhr: Erster Attentatsversuch durch Bombenwurf von Nedjelko Čabrinović auf den Wagen Franz Ferdinands während der Fahrt vom Bahnhof zum Rathaus über den Appelkai

Nedjelko Čabrinović warf gegen 10:00 Uhr eine scharfgemachte Bombe auf den Wagen des Erzherzogs. Während die explosive Überraschung noch durch die Luft reiste, bemerkte Chauffeur Lojka den herannahenden Gegenstand und trat fester auf sein Gaspedal. Dadurch streifte die Bombe Franz Ferdinand lediglich an der Wange, prallte vom Verdeck seines Wagens ab und explodierte erst unter dem dahinter fahrenden dritten Fahrzeug der Wagenkolonne.

7. Vizekaiserliche Coolness

Als der Bombenknall verhallt war, hatte Franz Ferdinand einen Kratzer an der Wange und war trotz mehrerer Verletzter im Wagen hinter ihm sowie unter den Menschen am Straßenrand die Ruhe selbst. Er erkundigte sich nach dem Befinden der Mitreisenden, prüfte Schäden an den Fahrzeugen und wies den Krankentransport der schwerer Verwundeten ins Garnisonshospital an. Welcher Nachfolger eines “gottgesandten” Herrschers wird denn wegen eines missglückten Mordanschlags gleich ans Staatsbesuchabbrechen denken? Mit den Sätzen “Der Kerl ist verrückt. Meine Herren, wir wollen unser Programm fortsetzen.” brachte Franz Ferdinand zum Ausdruck, dass er gerne weiterfahren würde. Wäre es bei diesem Vorfall geblieben, so wäre das Attentat von Sarajevo – wenn überhaupt – als missglückter Attentatsversuch in die Geschichte eingegangen. Der “verrückte Kerl” Nedjelko Čabrinović wurde kurz darauf verhaftet, noch bevor er mit seiner Kaliumcyanidkapsel Selbstmord begehen konnte. Seine Mitverschwörer hielten das Attentat für gescheitert und begannen ihre Positionen zu verlassen, während die Wagenkolonne ungestört weiter in Richtung des Rathauses fuhr. Noch wussten sie nicht, dass das Schicksal einem unter ihnen einen zweite Chance geben würde und alle ihre Namen mit dem Attentat von Sarajevo in die Geschichte eingehen würden.

8. “Wir kommen hierher, um diese Stadt zu besuchen, und man wirft auf uns mit Bomben!”

Irgendwann zwischen der Explosion von Čabrinovićs Bombe und der Ankunft im Rathaus muss Franz Ferdinand trotz seiner anfänglichen Besonnenheit schließlich doch ein klein wenig der goldbestickte Kragen seiner österreichischen Kavallerie-Generalsuniform geplatzt sein. “Das ist empörend!”, unterbrach er die Ansprache des Bürgermeisters Fehim Effendi, weil er eine Sache dringend loswerden musste: “Wir kommen hierher, um diese Stadt zu besuchen, und man wirft auf uns mit Bomben! Nun gut, sprechen Sie weiter.” Kurz Dampf abgelassen und weiter ging es im Tagesprogramm – mit einer kleinen höchst ehrbaren Änderung: Vor dem Mittagessen beim Gouverneur auf der anderen Seite des Flusses, wollte Franz Ferdinand statt des ursprünglich geplanten Museumsbesuchs noch die beim Bombenanschlag am Morgen Verletzten im Garnisonshospital besuchen.

By Karl Tröstl (Europeanna 1914-1918) [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

Das Thronfolgerpaar beim Verlassen des Rathauses, wenige Minuten vor dem Attentat von Sarajevo, um kurz vor 11:00 Uhr

Auch wenn Vorsicht bei der ursprünglichen Planung dieses Staatsbesuchs nicht gerade mit Großbuchstaben geschrieben wurde, immerhin für die Rückfahrt überlegten sich Gouverneur Potiorek und Graf Harrach in einem Anflug von Vernunft ein paar zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen:

  • Die Route zum Garnisonshospital sollte nicht durch die engen Straßen der Stadt führen, sondern wieder auf demselben Weg wie auf der Hinfahrt über den Appelkai. So könnten die Automobile deutlich schneller fahren und damit mögliche Attentatsversuche so gut wie unmöglich machen.
  • Graf Harrach stellte sich in der Funktion eines Bodyguards auf das linke Trittbrett des Wagens, in dem Franz Ferdinand fuhr – so dass mit seinem Körper das Wageninnere vor einem weiteren Anschlag aus der Richtung des Flusses geschützt war.
Public domain, via Wikimedia Commons; Pfeile und Beschreibungen Christina Kuhrcke

Vergebliche Schutzmaßnahmen vor dem Attentat von Sarajevo: Franz Graf Harrach nimmt vor der Abfahrt vom Rathaus seine Position neben Franz Ferdinand auf dem linken Trittbrett des Gräf & Stift Doppel-Phaeton ein

  • Die ursprünglich aus fünf Wagen bestehende Fahrzeugkolonne wurde verstärkt. Ein zusätzliches Polizeiauto sollte an erster Stelle des Konvois fahren. Der Wagen des Erzherzogs fuhr somit an dritter Stelle, statt wie auf der Hinfahrt an zweiter.

Eigentlich beste Voraussetzungen, die das Attentat von Sarajevo hätten verhindern können, hätten sich nicht ein großer Zufall und ein kleiner Fehler zu einer tödlichen Mischung verbunden.

9. Falsch abgebogen

Auf ihrem Rückweg vom Rathaus brauste die Wagenkolonne auf derselben Straßenseite, wie auf dem Hinweg, an Trifko Grabež vorbei, der auf der Flussseite im Vergleich zu seiner ursprünglichen Position etwas weiter Richtung Rathaus gegangen und immer noch mit einer Pistole und einer Bombe am besten von allen Attentätern bewaffnet war. Aufgrund der hohen Geschwindigkeit der Fahrzeuge, konnte er nichts unternehmen – womöglich traute er sich nach dem missglückten ersten Attentat von Sarajevo auch einfach nicht.

By Unknown photographer (1914) (http://humus.livejournal.com/2181956.html) [CC0], via Wikimedia Commons

Der Doppel-Phaeton mit Franz Ferdinand und Herzogin Sophie kurz vor dem irrtümlichen Abbiegen in die Franz-Joseph-Straße, wo gegen 11:00 das Attentat von Sarajevo stattfindet

Sein Kollege Gavrilo Princip hatte unterdessen ein paar hundert Meter weiter die Flussseite der Fahrtroute verlassen und war an der Kreuzung zur Lateinerbrücke quer zur Ecke Appelkai und Franz-Joseph-Straße gelaufen, um sich nach der ganzen Aufregung ein belegtes Brot zu besorgen. Das Attentat hielt er zu diesem Zeitpunkt vermutlich bereits für gescheitert, aber deswegen muss das Mittagessen noch lange nicht ausfallen. Ohne es zu ahnen begab sich Gavrilo Princip damit aber in die perfekte Position für einen zweiten Attentatsversuch.

Christina Kuhrcke Grafik: Karte 11:00 Uhr Attentat von Sarajevo; BIGSTOCK Photo: Stock Photo 25590107, Set of different black vector symbols by Ziablik

Karte zum Attentat von Sarajevo, 28. Juni 1914, gegen 11:00 Uhr: Gavrilo Princip feuert zwei Schüsse auf den Erzherzog ab, während dessen Wagen kurz zum Zurücksetzen vor Moritz Schillers Delikatessenladen hält

Die Wagenkolonne, die entsprechend des neuen Plans an der Lateinerbrücke geradeaus weiter über den Appelkai rasen sollte, bog nämlich an der Lateinerbrücke fälschlicherweise ab. Der Wagen des Erzherzogs war gerade hinter den beiden vor ihm fahrenden Fahrzeugen rechts in die Franz-Joseph-Straße gefahren, als die Chauffeure ihren Fehler bemerkten und zum Zurücksetzen bremsten. Franz Ferdinand stoppte in seinem Wagen sitzend ein paar geschichtsträchtige Sekunden lang an der Ecke Appelkai und Franz-Joseph-Straße vor dem Delikatessenladen von Moritz Schiller – genau vor den Augen seines Attentäters Gavrilo Princip, der den Zufall vermutlich mit einer Mischung aus Überraschung, Aufregung und Freude zur Kenntnis nahm.

10. “Es ist nichts, es ist nichts, …“

Seiner Zielperson nur wenige Meter entfernt ins Auge blickend, zog Gavrilo Princip die Pistole, der erst Stunden zuvor noch in Zuckerkörner getaucht unter dem Bett der Mutter seines Mitverschwörers Danilo Ilić gelegen hatte. Graf Harrach, der auf dem Trittbrett der dem Attentäter abgewandten Fahrzeugseite stand, konnte nur hilflos zusehen, wie der junge schnauzbärtige Mann seinen Zeigefinger über den Abzug einer auf Franz Ferdinand gerichteten Browning-Pistole krümmte.

By Unknown photographer, 1910s (http://humus.livejournal.com/2181956.html) [CC0], via Wikimedia Commons

Die Tatwaffe im Attentat von Sarajevo

Die Kugel des ersten Schusses traf Erzherzog Franz Ferdinand in den Hals und zerfetzte seine weniger als einen Zentimeter durchmessende Halsschlagader – angesichts der schlechten Leistungen des Schützen während seiner Schießausbildung in Serbien ein überraschend treffgenaues Ergebnis. Weniger überraschend war daher, dass der Attentäter die Zielsicherheit seines ersten Schusses beim zweiten Versuch nicht wiederholen konnte. Als Gavrilo Princip seine Waffe ein weiteres Mal in Richtung Franz Ferdinand abfeuerte, traf er stattdessen die Herzogin Sophie in den Unterleib. Dem Chauffeur gelang es derweil, den Wagen zu wenden und mit dem tödlich verwundeten Thronfolgerpaar davonzufahren.

By Unknown photographer (1914) (http://humus.livejournal.com/2181956.html) [CC0], via Wikimedia Commons

Blutverschmierte Uniform Franz Ferdinands nach dem Attentat von Sarajevo

Gavrilo Princip hatte dem Erzherzog in erster Linie nach dem politischen Leben getrachtet – im Kampf um die Freiheit seiner Heimat Bosnien-Herzegowina. Sein Attentat von Sarajevo löschte aber nicht nur eine Uniform und einen Titel aus, sondern auch zwei Menschen, die sich in den letzten Momenten ihres Lebens vor allem auch wie liebende Eheleute und Eltern verhielten. “In Gottes Namen, was ist mit Dir passiert?”, sorgte sich die Sophie, obwohl sie selbst schwer getroffen war, um ihren Mann, dem Blut aus Hals und Mund strömte. Diesem gelang es trotz seiner schweren Halswunde zu seiner Frau zu sagen “Sopherl, Sopherl, sterbe nicht. Bleib am Leben für unsere Kinder!” Die Frage Graf Harrachs, ob er schwere Schmerzen habe, beantwortete der Erzherzog allerdings wieder ganz erzherzoglich mit den Worten “Es ist nichts.” Er wiederholte “Es ist nichts.”, bis er noch im Wagen fahrend das Bewusstsein verlor und sein Leben neben dem seiner Frau Sophie endete.

QUELLEN:
McMEEKIN, SEAN: Juli 1914; Europa Verlag GmbH & Co. KG, Berlin - München, 2014
BBC: The First World War, 2003
TELEGRAPH.CO.UK

 

BILDNACHWEIS(E) - s.a. Credits beim Hovern über jeweiligem Bild
PUBLIC DOMAIN, VIA WIKIMEDIA COMMONS: “Attentat von Sarajevo – Zeichnung aus einer Österreichischen Zeitung von 1914”, “Festnahme von Gavrilo Princip in Sarajevo”, “Die Familie des Erzherzogs: (…)”, “Von links nach rechts: Nedjelko Čabrinović, Trifko Grabež, Gavrilo Princip”, “Transport der Waffen für das Attentat von Sarajevo von Belgrad nach Sarajevo”, “Franz Ferdinand von Österreich-Este und seine Frau Sophie von Hohenberg bei der Ankunft in Ilidža am 25. Juni 1914”, “Sophie von Hohenberg und Franz Ferdinand von Österreich-Este bei einem Spaziergang im Park”, Profilbilder von (1) Muhamed Mehmedbašić - (2) Vaso Čubrilović - (3) Nedjelko Čabrinović - (4) Gavrilo Princip - (5) Trifko Grabež - (6) Cvetko Popović - (7) Danilo Ilić, “Ankunft des Thronfolgerpaars am Bahnhof von Sarajevo am 28. Juni 1914”, “Franz Graf Harrach nimmt vor der Abfahrt vom Rathaus seine Position neben Franz Ferdinand auf dem linken Trittbrett des Gräf & Stift Doppel-Phaeton ein” (mit Pfeilen und Beschriftungen von Christina Kuhrcke), “Der Doppel-Phaeton mit Franz Ferdinand und Herzogin Sophie kurz vor dem irrtümlichen Abbiegen in die Franz-Joseph-Straße”, “Die Tatwaffe”, “Blutverschmierte Uniform Franz Ferdinands nach dem Attentat von Sarajevo”
CHRISTINA KUHRCKE GRAFIK: “Karte von Sarajevo, 28. Juni 1914, gegen 10:00 Uhr: (…)”, “Karte von Sarajevo, 28. Juni 1914, gegen 11:00 Uhr: (…)”
BIGSTOCK PHOTO, Stock Photo 25590107, Set of different black vector symbols by Ziablik: Icons Pistole und Bombe für “Karte von Sarajevo, 28. Juni 1914, gegen 10:00 Uhr: (…)”, “Karte von Sarajevo, 28. Juni 1914, gegen 11:00 Uhr: (…)”
KARL TRÖSTL (Europeanna 1914-1918) [CC-BY-SA-3.0 [LINK: http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0]], via Wikimedia Commons: “Das Thronfolgerpaar beim Verlassen des Rathauses von Sarajevo um kurz vor 11:00 Uhr”

4 Antworten auf “10 ERSTAUNLICHE FAKTEN ZUM ATTENTAT VON SARAJEVO”

  1. Michael Kummer

    Hallo liebe Blog-Moderatoren,

    das Bild von der angeblichen Festnahme von Gavrilo ist leider falsch. Seit vielen Jahren kursiert dieses Bild fälschlicherweise als Festnahme des Sarajevo Attentäter im Netz und auch in Büchern. In Wirklichkeit stellte es jedoch die vorläufige Festnahme von Ferdo Behr dar, der wie zahlreiche andere Verdächtige festgenommen und später wieder auf freien Fuß gesetzt wurde. Der Fotograph war einfach ein cleverer Geschäftsmann und verkaufte sein Bild als “Gavrilos Festnahme”…

    Gruß Michael

    Antworten
    • Christina Kuhrcke

      Vielen herzlichen Dank für den Kommentar – das ist super interessant! Ich habe dazu auch noch mal etwas recherchiert und beispielsweise auf Centenary News oder beim Daily Telegraph entsprechende Hinweise gefunden. Die Bildunterschrift im Artikel habe ich daher aktualisiert. Wenn Sie auch noch weitere Quellen oder Informationen dazu haben, nutzen Sie gerne die Kommentarfunktion, um Ihr Wissen mit den anderen Usern von ersterweltkriegheute.de zu teilen. Viele Grüße!

      Antworten
  2. Gaudenz Grob

    Guten Tag
    Die Tatwaffe wurde mehrfach als “Revolver” bezeichnet. Bei dem Attentat wurde aber eine Pistole (FN Browning 1910) verwendet. Das sind technisch doch recht unterschiedlich konstruierte Waffen, auch wenn sie im Endeffekt die gleiche Wirkung erzielen.
    Freundliche Grüsse
    G.Grob

    Antworten
    • Christina Kuhrcke

      Vielen Dank für Ihren Kommentar! Da haben Sie vollkommen recht – ist entsprechend aktualisiert. Viele Grüße

      Antworten

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