PRESSE NACH DEM ATTENTAT VON SARAJEVO: PROPAGANDA & SEIFENOPER

Titelseite der New York Times vom 29. Juni 1914

Montag, 29. Juni 1914 |

Die Welt am Tag nach dem Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajevo. Noch weiß niemand, dass der gewaltsame Tod des österreichisch-ungarischen Thronfolgers und seiner Frau in den Ersten Weltkrieg führen wird. Eine fette Schlagzeile ist das Attentat von Sarajevo aber allemal wert – in Zeitungen auf der ganzen Welt, aber die Presse nach dem Attentat von Sarajevo folgt teilweise einem ganz unterschiedlichem Stil.

Hashtag #franz ferdinand

Montag, 29. Juni 1914: Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este, der Thronfolger der krisengeschüttelten Vielvölkermonarchie Österreich-Ungarn, und seine Frau Herzogin Sophie von Hohenberg wurden am Tag zuvor während eines offiziellen Besuchs in Sarajevo – der eher unfreiwillig zu Österreich-Ungarn gehörenden Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina – vom neunzehnjährigen Revolutionär Gavrilo Princip erschossen, während sie mit dem Auto durch die Stadt fuhren.

franz ferdinand kurz vor dem attentat von sarajevo

Franz Ferdinand (rechts) und seine Frau (links mit Schirm neben ihm) kurz vor dem Attentat bei der Fahrt durch Sarajevo am Sonntag, den 28. Juni 1914

Wäre so etwas wie das Attentat von Sarajevo wirklich gestern passiert (nicht gestern vor hundert Jahren, sondern am 28. Juni des Jahres 2014!), dann wären heute die Zeitungen, Zeitschriften, Internetseiten, Fernseh- und Radioprogramme der Welt mit großer Sicherheit voll mit Meldungen, Fotos und Filmmaterial über das Ereignis. Vermutlich würden Millionen von Tweets den Hashtag #franz ferdinand enthalten, wackelige Handyvideos von Augenzeugen auf Facebook hochgeladen, und die meisten Suchanfragen bei Google “Sarajevo Attentat” lauten. Aber was war wirklich in der Presse nach dem Attentat von Sarajevo los?

Freund- und Feindbilder in der Presse nach dem Attentat von Sarajevo

Bereits am Sonntagnachmittag des 28. Juni 1914, nur wenige Stunden nach dem Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand, wurden Extrablätter in seiner Heimatstadt Wien und anderen europäischen Großstädten verteilt, die den Tod des österreichisch-ungarischen Thronfolgers aus dem Hause Habsburg und seiner Frau meldeten. Die Nachricht vom Attentat von Sarajevo verbreitete sich schnell. Am Montag, den 29. Juni 1914 waren auch die meisten Zeitungen im Rest der Welt voll mit den Worten “Franz Ferdinand”, “Attentat” und “Sarajevo”. Viel mehr als diese Schlüsselworte hatten die Zeitungsmeldungen aus unterschiedlichen Ländern und politischen Lagern aber am Tag nach dem Tod des fünfzigjährigen Erzherzogs Franz Ferdinand allerdings oft nicht gemeinsam. Während die Einen schon den Zeigefinger auf mögliche Schuldige richteten und zum kurzen Prozess aufriefen, rührten die Anderen ihre Leser lieber mit Berichten über die zahlreichen weiteren Schicksalsschläge zu Tränen, die das Haus Habsburg in den vorangegangenen Jahrzehnten getroffen hatten. Ein Blick auf die weltweiten Titelseiten der Zeitungen vom 29. Juni 1914 würde viel über die teilweise sehr unterschiedlichen öffentlichen und offiziellen Meinungen unmittelbar nach dem Attentat von Sarajevo verraten. Wer war traurig? Wer war wütend? Wer wollte Rache? Wer hatte Mitleid? In der Presse nach dem Attentat von Sarajevo deuteten sich teilweise bereits Stimmungen und Pläne an, die Europa und später auch fast den ganzen Rest des Planeten in den Ersten Weltkrieg führen würden. Als kleinen Einblick in die Presse nach dem Attentat von Sarajevo gibt es heute auf ersterweltkriegheute.de, genau 100 Jahre nach ihrem Erscheinen, ein paar Beispiele von verschiedenen Zeitungsmeldungen, die am 29. Juni 1914 über die Ermordung Erzherzog Fran Ferdinands berichteten.

Monarchie Österreich-Ungarn: Serbien war’s und Franz Ferdinand wird nur so mittel vermisst

Presse nach dem Attentat von Sarajevo: Ausschreitungen gegen Serben am 29. Juni 1914

Verwüstungen nach Ausschreitungen gegen die serbische Bevölkerung am 29. Juni 1914 in Sarajevo

Die Wiener Zeitung sprach noch am Tag des Attentats von “einem ruchlosen Mordanschlage”[1] an Franz Ferdinand in Sarajevo – der Hauptstadt der seit 1908 an Österreich-Ungarn angegliederten Gebiete von Bosnien-Herzegowina. Man war schockiert, wütend aber wenig überrascht. Immerhin war es aus der Sicht Österreich-Ungarns nur eine Frage der Zeit, bis es auf dem seit Langem schwelenden Unruheherd Balkan wieder einmal knallt. Die slawische Bevölkerung bildete die Mehrheit im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn, fühlte sich aber zu weiten Teilen unfair behandelt und nicht vernünftig repräsentiert – spätestens seitdem man der magyarischen Bevölkerung in Ungarn beim österreichisch-ungarischen Ausgleich 1867 eine bevorzugte Sonderrolle im Kaiserreich gegeben hatte. Es war kein Geheimnis, dass vom serbischen Königreich zumindest halboffiziell gestützte bosnische Gruppen mehr als nur darüber nachdachten, wie man sich vom Unterdrücker Österreich-Ungarn lossagen und zu einem serbischen Großreich zusammenschließen könnte. Attentäter Gavrilo Princip gehörte zweifelsfrei dazu. Die Umstände von Franz Ferdinands Tod passten daher gut zu den gängigen Befürchtungen und Vorurteilen, und die österreichisch-ungarische Presse zückte schnell ihre angespitzte Feder, mit der sie im Verlauf der nächsten Tage Erzfeind Serbien, als vermeintlichen Strippenzieher hinter dem Attentat von Sarajevo anschwärzen würde; auch wenn eine offizielle Beteiligung der Regierung Serbiens am Attentat von Sarajevo nicht nachweisbar war und vermutlich auch nicht existierte. Wer zur Zeit des Attentats an Erzherzog Franz Ferdinand als Serbe in Sarajevo lebte, bekam die Folgen der allgemeinen antiserbischen Stimmung deutlich zu spüren: serbische Häuser, Schulen, Ämter und Geschäfte wurden zerstört und mehrere Menschen getötet – alles zumindest teilweise unter den gleichgültigen Blicken der österreichisch-ungarischen Polizei und Verwaltung von Sarajevo. Österreichisch-ungarische Zeitungen sprachen am Tag nach dem Tod von Franz Ferdinand von pogromänlichen Zuständen in den Straßen Sarajevos.
Erzherzog Franz Ferdinand war in seiner Heimatstadt dagegen nicht halb so beliebt wie Serbien unbeliebt war – dementsprechend fiel sein Nachruf am 29. Juni 1914 in den Wiener Zeitungen zwar wohlwollend, für einen Nachruf aber verhalten aus.

Presse nach dem Attentat von Sarajevo: Titelseite der Reichspost vom 29. Juni 1914

Presse nach dem Attentat von Sarajevo in Österreich-Ungarn: Titelseite der Reichspost vom 29. Juni 1914

Niemand schien sich aus Trauerschmerz ins Schwert stürzen oder Lady-Di-esque Blumenmeere vor der Hofburg verteilen zu wollen. Eine Kaiserthronanwärter der Herzen war Franz Ferdinand nicht. Die Zeitungen Reichspost und Neue Freie Presse etwa beschrieben Franz Ferdinand am Tag nach seinem Tod als “ein großes Stück Hoffnung Jung-Österreichs”[2] der kein “auswechselbarer Erzherzog von mittlerem Durchschnitte”[3] gewesen sei.

Ob die Presse nach dem Attentat von Sarajevo im Nachbarland Deutschland wärmere Worte für den Erzherzog finden würde, als in seiner Heimat Österreich-Ungarn?

Deutsches Kaiserreich: Auch ein zukünftiger Bundespräsident berichtet

Ein zukünftiger Bundespräsident als Teil der Presse nach dem Attentat von Sarajevo

Bildnis Theodor Heuss (Ölgemälde von Albert Weisgerber, 1905) als junger Mann

Im Deutschen Kaiserreich wurden im Jahr 1914 über 4000 verschiedene Zeitungen herausgegeben. Die meisten davon meldeten am 29. Juni 1914 die Ermordung von Erzherzog Franz Ferdinand und seiner Frau in Sarajevo. Zu den bekanntesten und überregional einflussreichsten Blättern gehörte die liberal eingestellte Vossische Zeitung aus Berlin, die mit einem Extrablatt meldete, dass “Der österreichische Thronfolger und seine Gattin ermordet”[4] worden seien. Auch der spätere Gründer der FDP und erste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, Theodor Heuss, veröffentlichte als Chefredakteur der Neckar-Zeitung am Tag nach dem Attentat von Sarajevo einen Artikel zum Thema des Tages. Er wählte den Titel “Das österreichische Thronfolgerpaar von einem Serben ermordet”,[5] um die Breaking News mit der Bevölkerung im Deutschen Kaiserreich zu teilen.

Presse nach dem Attentat von Sarajevo: Neackar-Zeitung vom 29. Juni 1914

Presse nach dem Attentat von Sarajevo im Deutschen Kaiserreich: Neackar-Zeitung vom 29. Juni 1914

Neben den Fakten zum Tathergang, spekulierte die Presse nach dem Attentat von Sarajevo im Deutschen Kaiserreich auch über die Gründe für das Attentat. Der Bockenheimer Anzeiger vom 29. Juni 1914 stellte beispielsweise fest, “die Erregung in Kroatien und Bosnien unter den dort wohnenden Serben gegen die österreichische Herrschaft” sei “nicht erst jüngsten Datums”.[6] Diese relativ sachlichen und auf den Tathergang beschränkten Berichte vom Tag nach dem gewaltsamen Tod des Erzherzogs sollten bald einem sorgenvolleren Ton weichen. Österreich-Ungarn war seit dem Militärbündnis zwischen Frankreich, Russland und dem Vereinigten Königreich (Triple Entente) von 1907 der einzige Verbündete des Deutschen Kaiserreichs. Der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn hatte ohnehin viele innenpolitische Probleme und nun war ihnen auch noch der Thronfolger unter der Nase weggeschossen worden. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Die Presse nach dem Attentat von Sarajevo im Deutschen Kaiserreich druckte daher relativ früh ihre Sorgen über eine bevorstände schwere Krise ab, klagte die proserbische Interessenpolitik Russlands auf dem Balkan an und forderte die serbische Regierung auf, die Drahtzieher des Attentats zu ermitteln. Anderswo sah man dagegen die Ursachen allen Übels ganz und gar nicht in Serbien.

Russisches Kaiserreich: Die Österreicher sind doch selbst schuld

Das dem Königreich Serbien nahe stehende Zarenreich stellte sich im Unterschied zu Österreich-Ungarn und dem Deutschen Kaiserreich auf die Seite der Attentäter und ihrer “Idee der Vereinigung aller Slawen”. Die Moskauer Zeitung Moskowskie Vedomosti informierte die Bevölkerung aber erst am 30. Juni 1914 über den Mord am österreichisch-ungarischen Thronfolger, veröffentlichte aber direkt auch ein paar – vermutlich am Vortag geführte – Interviews mit in Moskau lebenden serbischen Würdenträgern, die man nach ihrer Meinung zum Attentat von Sarajevo gefragt hatte. Dabei zeichnete sich die Ansicht ab, Erzherzog Franz Ferdinand sei selbst schuld und wegen des “Terrors getötet worden, den die Österreicher in die Region getragen” hätten.[7] Auch der Petersburgsky Kuryer schrieb die Verantwortung für die Tat “nicht Serbien” zu, sondern “jenen, die Österreich in Bosnien und gegen Serbien vorangetrieben haben” und fand, “Russland müsse im Namen der Menschenrechte seine Pflicht gegenüber den geknechteten Brüdern erfüllen”.
Die russische Presse nach dem Attentat von Sarajevo schrieb darüberhinaus in kritischen Worten über die Gewalt gegen die serbische Bevölkerung in Österreich-Ungarn, die nach der Ermordung des Erzherzogs ausgebrochen war. Die Zeitung Gazette erklärte beispielsweise, dass “die Pogrome gegen die serbische Bevölkerung, die Befreiung der Serben und anderer slawischer Nationen wünschenswert machen, die unter der Knechtschaft von Österreich-Ungarn leben müssen”. Die russische Presse nach dem Attentat von Sarajevo unterschied sich übrigens noch auf eine ganz andere Art vom Rest Europas. Da im Russland des frühen 20. Jahrhunderts nicht der gregorianische sondern noch immer der julianische Kalender verwendet wurde, fiel der Tag nach dem Tod von Erzherzog Franz Ferdinand hier nicht auf den 29. sondern auf den 16. Juni 1914.

Republik Frankreich: Was dieser Mann alles ertragen muss – schluchz

In Paris war die Presse nach dem Attentat von Sarajevo weniger politisch als in Österreich-Ungarn, dem Deutschen oder dem Russischen Kaiserreich. Die Zeitung Le Matin wählte mit den “Schmerzen einer Regierungszeit”[8] eine Art von privater Storyline, der Kollegen aus aller Welt in späteren Jahren auch gerne bei der Berichterstattung um die schicksalsgebeutelte Familie des U.S. Präsidenten John F. Kennedy folgen würden. Die Pariser Zeitung berichtete am 29. Juni 1914 über die zahlreichen persönlichen Katastrophen im langen Leben des über achtzigjährigen Kaisers von Österreich-Ungarn, zu denen nun auch noch die Ermordung seines Neffen und Thronfolgers hinzugekommen war. Die Story gab Einiges her, denn die Liste der Schicksalsschläge, die beim alten Kaiser Franz Joseph I. in den letzten Jahrzehnten eingeschlagen hatten, war lang und der feuchte Traum einer jeden Klatschspalte:

  • 1853 fiel der Kaiser selbst einem Mordanschlag zum Opfer, den er leicht verletzt überlebte.
  • 1867 wurde Franz Josephs jüngerer Bruder Ferdinand Maximilian – der erst seit drei Jahren als Maximilian I. den Job Kaiser von Mexiko hatte – entmachtet und auf Befehl des wieder zum Präsidenten von Mexiko aufgestiegenen Benito Juárez standrechtlich erschossen.
  • 1889 fand man den einzigen Sohn des Kaisers, Kronprinz Rudolf von Österreich-Ungarn, und dessen Geliebte, die erst siebzehnjährige Mary Vetsera, erschossen im Jagdschloss Mayerling – der dreißigjährige Kronprinz hatte vermutlich erst seine Freundin und dann sich selbst getötet und damit seinen Cousin Franz Ferdinand eine Position auf der Thronfolgeliste nach oben rücken lassen.
  • 1896 starb auch Franz Josephs jüngster Bruder Karl Ludwig, weil er sich während eines Besuchs bei seinem Sohn Franz Ferdinand im Urlaub in Kairo eine tödliche Krankheit zuzog, nachdem er verseuchtes Jodwasser getrunken hatte (Anm. d. Red.: Wie bitte?!); Karl Ludwig war nach dem Tod von Kronprinz Rudolf Thronfolger von Österreich-Ungarn geworden, hatte aber nach nur wenigen Tagen seine Rechte an seinen ältesten Sohn Franz Ferdinand abgetreten, der – wie seine Vorgänger – ebenfalls nicht an natürlichen Ursachen sterben würde.
  • 1898 starb Franz Josephs berühmte Frau Elisabeth (kurz Sisi genannt), nachdem ein Anarchist ihr bei einem Spaziergang am Genfer See mit einer Nagelfeile ins Herz gestochen hatte (Anm. d. Red.: Seriously, you can’t make this stuff up!) Die Nachricht über ihren Tod soll der Kaiser mit den Worten “Mir bleibt auch nichts erspart” kommentiert haben.

Gegenüber, am anderen Ufer des Kanals, gab es auf den Zeitungsblättern ebenfalls mehr als genug Platz für diese und mehr Hintergrundstories.

British Empire: Presse nach dem Attentat von Sarajevo De Luxe

Die Redakteure von The Times in London müssen sich unmittelbar nach dem Mordanschlag auf Erzherzog Franz Ferdinand die Finger wundgeschrieben und -telegraphiert haben, denn am 29. Juni 1914 präsentierten sie ihren 278.000 Lesern einen eineinhalbseitigen Bericht über die Jahrhundertstory. Die Zeitung hatte Korrespondenten in ganz Europa und Sonderberichterstatter am Tatort Sarajevo, mit denen sie über ein ausgedehntes Telegraphennetzwerk in Verbindung stand. Aus den Nachrichten, die nach dem Attentat von Sarajevo meterweise das Telegraphenpapier in der Londoner Redaktion der Zeitung befüllt haben müssen, konnte The Times einen detailierten Leitartikel über die Ermordung des Thronfolgers von Österreich-Ungarn zusammenstellen. Wer am Tag nach dem Attentat an Franz Ferdinand und seiner Frau für nur einen Penny ein Exemplar der Zeitung kaufte, konnte hier nachlesen, dass es sich nicht um einen Einzeltäter handeln konnte, sondern die “Frucht einer sorgfältig angelegten Verschwörung”[9]. Auch auf private Hintergrundstories über die Opfer und ihre Verwandten mussten die Leser der Times nicht verzichten – von den vielen Tragödien im Leben des alten Kaisers von Österreich-Ungarn Franz Josef I. bis hin zur unstandesgemäßen Liebesheirat zwischen den Ermordeten war alles abgedruckt. Und mit was hatte das U.S. Amerikanische Pendant der Zeitung aufzuwarten?

U.S.A.: Trug der Thronfolger eine schusssichere Weste?

Auch auf der anderen Seite des Atlantik berichtete die Presse nach dem Attentat von Sarajevo. Das Attentat auf den Thronfolger von Österreich-Ungarn war der New York Times am 29. Juni 1914 über eine Seite Berichterstattung wert – inklusive acht Bildern und einer Grafik:

  • Das offizielle Portrait der Ermordeten, Franz Ferdinand und Sophie mit dem österreichisch-ungarischen Doppeladler-Wappen.
  • Bilder von ihren drei gemeinsamen Kindern im Teenager-Alter, Maximilian, Sophie und Ernst, die durch das Attentat zu Vollwaisen geworden waren.
  • Ein Bild eines jungen Mannes in Uniform mit Baby auf dem Arm und der Unterschrift “Zwei zukünftige Kaiser von Österreich”, zeigte den neuen Thronfolger Erzherzog Karl und seinen Sohn Otto.
  • Ein Portrait des alten Kaisers Franz Joseph I. mit buschigen Augenbrauen, noch buschigerem Backenbart, Stirnglatze und einer Menge Orden an der Uniform.
  • Eine Landkarte von Österreich-Ungarn und seinen Bosnischen Gebieten mit dem angrenzenden Königkreich Serbien und den anderen Nachbaarländern.

Im Text des Leitartikels mit der Überschrift “Erbe von Österreichs Thron und Ehefrau von Bosnischem Jugendlichen als Rache auf die Eroberung seines Landes ermordet[10]” gab es zunächst Details zum Tathergang zu lesen, und dass der Attentäter “genau in seiner Rolle instruiert[10]” gewesen sein muss, weil er auf den Kopf des Erzherzogs gezielt hatte. Es sei ein “gut gehütetes Geheimnis”[10] gewesen, dass Erzherzog Franz Ferdinand bei öffentlichen Auftritten stets einen “Rock aus quer verwobenen Seidensträngen”[10] trug, der dafür sorgte, dass “keine Waffe oder Kugel ihn durchdringen konnte”.[10] Diese “neue Erfindung” hätte es dem Erzherzog möglich gemacht, “Anschlägen auf sein Leben mutig entgegenzustehen”.[10]

Von den Titelseiten in die Geschichtsbücher

Das Attentat von Sarajevo war die große Newsstory des frühen 20. Jahrhunderts. Das erkannte die Presse in Europa und anderen Teilen der Welt auch ohne am Tag nach dem Mordanschlag auf Erzherzog Franz Ferdinand wissen zu können, dass der Erste Weltkrieg nun kurz bevorstand. Die Zeitungen im unmittelbar betroffenen Österreich-Ungarn reagierten am Tag nach dem Attentat auf ihren Thronfolger wütend. Sie gaben die weitverbreitete öffentliche und offizielle Meinung wieder, dass Nachbarland Serbien die Schuld an der Ermordung von Franz Ferdinand trug und verstärkten diese Meinung dadurch weiter. Die serbische Bevölkerung von Sarajevo hatte am Tag nach dem Attentat unmittelbar unter der antiserbischen Stimmung zu leiden, die auch ganz ohne das Zutun der österreichisch-ungarischen Presse unter ihren nicht-serbischen Nachbarn hochkochte und zu Gewaltverbrechen führte. Den emotionalen Gegenpart zur Position der österreichisch-ungarischen Presse nach dem Attentat von Sarajevo nahmen Zeitungen im Russischen Kaiserreich ein. Hier stand man dem Serbischen Königreich und den Motiven der Attentäter von Sarajevo inhaltlich nahe und war ganz und gar nicht einverstanden damit, dass Österreich-Ungarn die Gebiete von Bosnien-Herzegowina besetzt hielt. Der Erzherzog Franz Ferdinand sei damit nicht einem serbischen Komplott, sondern der österreichisch-ungarischen Unterdrückerpolitik zum Opfer gefallen, so der angeschlagene Ton in russischen Medien als Antwort auf das Attentat von Sarajevo.
Eine verglichen mit Österreich-Ungarn und Russland politisch nüchternere Zeitungsberichterstattung war am 29. Juni 1914 im Deutschen Kaisserreich, Frankreich, dem British Empire und den U.S.A. zu finden. Zwar deuteten viele Blätter auch in diesen Ländern schon am Tag nach dem Attentat eine Verwicklung Serbiens in den Mordanschlag an Erzherzog Franz Ferdinand an. Hier lenkte man aber seine Emotionen zu dem Ereignis, wenn überhaupt, lieber auf die Ebene der privaten Tragödie, die der Mord an zwei Menschen ausgelöst hatte.
Das Attentat von Sarajevo war am 29. Juni 1914 weltweit die Schlagzeile schlechthin, aber die enormen Konsequenzen der Ermordung von Erzherzog Franz Ferdinand, dem Thronfolger der krisengebeutelten Monarchie Österreich-Ungarn, waren für die Presse nach dem Attentat von Sarajevo noch nicht abzusehen. Der Erste Weltkrieg würde in nur einem Monat ausbrechen und das Leben der meisten Menschen für immer verändern oder vorzeitig beenden, die eben noch unter einer warmen Junisonne die Zeitung aufgeschlagen und einen Bericht über eine aufregende Geschichte genossen hatten: Ein Thronfolger war ermordet worden, in einer Stadt namens Sarajevo. Das Attentat von Sarajevo war am 29. Juni 1914 für die meisten Zeitungsleser nur irgendeine aufregende Geschichte. Einhundert Jahre später gilt die aufregende Geschichte als Auslöser des Ersten Weltkriegs und damit indirekt auch für die zahlreichen anderen Katastrophen des 20. Jahrhunderts.

FUSSNOTEN:
[1] Wiener Zeitung, 28. Juni 1914
[2] Reichspost, 29. Juni 1914 
[3] Neue Freie Presse, 29. Juni 1914 
[4] Vossische Zeitung, 29. Juni 1914 
[5] Neckar-Zeitung, 29. Juni 1914 
[6] Bockenheimer Anzeiger, 29. Juni 1914 
[7] Moskowskie Vedomosti, 30. Juni 1914 
[8] Le Matin, 29. Juni 1914 
[9] The Times, 29. Juni 1914 
[10] New York Times, 29. Juni 1914

BILDNACHWEIS(E):
PUBLIC DOMAIN, VIA WIKIMEDIA COMMONS: “Titelseite der New York Times vom 29. Juni 1914”, “Franz Ferdinand (rechts) und seine Frau (links mit Schirm neben ihm) kurz vor dem Attentat bei der Fahrt durch Sarajevo am Sonntag, den 28. Juni 1914”, “Verwüstungen nach Ausschreitungen gegen die serbische Bevölkerung am 29. Juni 1914 in Sarajevo”, “Bildnis Theodor Heuss (Ölgemälde von Albert Weisgerber, 1905) als junger Mann”, “Das Attentat auf Kaiser Franz Joseph I. am 18. 2. 1853. Ölgemälde v. J. J. Reiner, 1853”, “Kronprinz Rudolf von Österreich-Ungarn (1858-1889) in der Galauniform des Husaren-Regiments”
STIFTUNG BUNDESPRÄSIDENT - THEODOR-HEUSS-HAUS: “Neckar-Zeitung vom 29. Juni 1914”
ÖSTERREICHISCHE NATIONALBIBLIOTHEK: ANNO - Historische österreichische Zeitungen und Zeitschriften, Reichspost vom 29. Juni 1914. [URL http://tinyurl.com/pd6h65a] Stand 27.06.2014: “Titelseite der Reichspost vom 29. Juni 1914”
3SAT - DIE HABSBURGER XI: “Kaiser Franz-Joseph I. am Totenbett seiner Frau Kaiserin Elisabeth” 
SCREENSHOTS DER DIGITALEN VERSION DER NEW YORK TIMES VOM 29. JUNI 1914, VIA NEW YORK TIMES TIMES MACHINE: “Die Kinder von Erzherzog Franz Ferdinand - NYT, 29. Juni 1914”, “Oben: Erzherzog Karl mti seinem Sohn Otto; Portrait unten rechts: Kaiser Franz Joseph I. von Österreich-Ungarn - NYT, 29. Juni 1914”, “Durch Österreich-Ungarn annektierte Gebiete von Bosnien-Herzegowina - NYT, 29. Juni 1914”
QUELLEN:
ECKERT, Georg; GEISS, Peter; KARSTEN, Arne: Die Presse in der Julikrise 1914 - Die internationale Berichterstattung und der Weg in den Ersten Weltkrieg. Münster: Aschendorff Verlag, 2014
3SAT: Die Habsburger Teil XI - Völkerkerker - Hort der Völker [https://www.youtube.com/watch?v=HEN59YfNvrI] Stand 27.06.1914
ÖSTERREICHISCHE NATIONALBIBLIOTHEK: ANNO - Historische österreichische Zeitungen und Zeitschriften, Reichspost vom 29. Juni 1914. [URL http://tinyurl.com/pd6h65a] Stand 27.06.2014
STIFTUNG BUNDESPRÄSIDENT - THEODOR-HEUSS-HAUS: 1912 Übernahme der Chefredaktion der “Heilbronner Neckar-Zeitung”. URL [http://tinyurl.com/pwwf38v] Stand: 26.06.2014
PREUSSEN - CHRONIK EINES DEUTSCHEN STAATES: Das Attentat auf den Österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand. URL [http://www.preussenchronik.de/bild_jsp/key=bild_779.html] Stand: 26.06.2014
DEUTSCHES HISTORISCHES MUSEUM: Der Erste Weltkrieg 1914-1918 Begleitheft zur Dauerausstellung. URL [http://www.stage-entertainment.de/media/waho/131014_DHM_Vermittlung_Begleitmaterial_Ansicht_klein.pdf] Stand: 26.06.2014 
GOETHE UNIVERSITÄT FRANKFURT AM MAIN - ZEITUNGEN UNIVERSITÄTSBIBLIOTHEK (UB): Bockenheimer Anzeiger vom 29.06.1914 - Die Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaares. URL [http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/periodika/periodical/pageview/6241565] Stand: 26.06.2014 
WIKIPEDIA.ORG: Anti-Serb riots in Sarajevo - Newspapers and diplomats. URL [http://en.wikipedia.org/wiki/Anti-Serb_riots_in_Sarajevo#CITEREFJannen1996] Stand 26.06.1914
THE INTERNET ARCHIVE: The Coming of War (Bernadotte Everly Schmitt, 1966). URL [https://archive.org/stream/comingofwar191401bern#page/442/mode/2up] Stand 26.06.1914
ORF III: Der Fall Rudolf [https://www.youtube.com/watch?v=t6Etv9BJvHw] Stand 26.06.1914
SIMIKIN, John: Spartacus Educational - The Times and the First World War. URL [http://spartacus-educational.com/FWWtimes.htm] Stand 27.06.1914
THE NEW YORK TIMES - Heir to Austria’s throne is slain with his wife by a bosnian youth to avenge seizure of his country. URL [http://apps.beta620.nytimes.com/timesmachine/1914/06/29/issue.html] Stand: 26.06.2014

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