MITARBEITER-FEEDBACK KAISER WILHELM-STYLE

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Kaiser Wilhelm II., 1914 – im Alter von 55 Jahren

Dienstag, 30. Juni 1914 |

Nach dem Attentat von Sarajevo hatten Diplomaten in Europa eine Menge Arbeit: Meetings mussten vereinbart und gehalten werden, Telegramme diktiert und Briefe geschrieben werden. Viel zu tun gab es zunächst vor allem für die Botschaften in Wien, der Hauptstadt der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie, deren Kronen der ermordete Erzherzog Franz Ferdinand beerben sollte. Sein Tod beherrschte an Tag Zwei nach seiner der Ermordung immernoch die Zeitungen Europas, aber die Regierungen der europäischen Länder konnten es sich nicht leisten noch viel mehr Zeit mit Vergangenheitsbewältigung zu verschwenden. Sie benötigten dringend vertrauliche Informationen von ihren Entsandten vor Ort, um über die Zukunft entscheiden zu können.

Heinrich Leonhard von Tschirschky und Bögendorff

Heinrich Leonhard von Tschirschky und Bögendorff, 1906 – ein Jahr vor der Ernennung zum Deutschen Botschafter in Wien durch Kaiser Wilhelm II.

Botschafter des Deutschen Kaiserreichs in Wien war seit 1907 der fünfunfünfzigjährige Heinrich Leonhard von Tschirschky und Bögendorff. Nachdem er sich zum Thema Attentat am Erzherzog mit dem österreichisch-ungarischen Außenminister Leopold Graf Berchtold getroffen hatte, telegrafierte er einen Bericht über dieses wichtige Gespräch “Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg” nach Berlin. Der Empfänger hatte zu jener Zeit nicht nur einen toten Erzherzog im Nachbarland zu betrauern: Erst im vorangegangen Monat war seine Frau Martha verstorben. Als auch Kaiser Wilhelm II. Tschirschkys Telegramm auf den Schreibtisch gelegt bekam, hob er einen Bleistift auf, um ein paar Kommentare zu machen, die mindestens genauso spitz waren, wie sein kunstvoll frisierter Schnurrbart.

Kaiser Wilhelm: “Tschirschky soll den Unsinn gefälligst lassen”

Der Morse Code in dem das Telegramm von Tschirschky in Berlin eintraf, las sich in der Entzifferung wie folgt – inklusive der handschriftlich mit einem Bleistift hinzugefügten Unterstreichungen und Kommentare von Kaiser Wilhelm II. [KWII]:

“Graf Berchtold sagte mir heute, alles deute
darauf hin, daß die Fäden der Verschwörung, der
der Erzherzog zum Opfer gefallen sei, in Belgrad
zusammenliefen. Die Sache sei so wohl durchdacht
worden, daß man absichtlich ganz jugendliche
Leute zur Ausführung des Verbrechens ausgesucht
habe, gegen die nur mildere Strafe verhängt wer-
den könne. [KWII: hoffentlich nicht]
Der Minister sprach sich sehr bitter
über die serbischen Anzettelungen aus.
Hier höre ich, auch bei ernsten Leuten, viel-
fach den Wunsch, es müsse einmal gründlich mit den
Serben abgerechnet werden. [KWII: jetzt oder nie]
Man müsse den Serben
zunächst eine Reihe Forderungen stellen und
Falls sie diese nicht akzeptierten, energisch vor-
gehen. Ich benutze jeden solchen Anlaß, um ruhig
aber sehr nachdrücklich und ernst vor übereilten
Schritten zu warnen. [KWII: wer hat ihn dazu
ermächtigt? das ist sehr dumm! geht ihn gar nichts
an, das es lediglich Österreichs Sache ist, was es
hierauf zu thun gedenkt. Nachher heißt es
dann, wenn es schief geht, Deutschland hat nicht
gewollt! Tschirschky soll den Unsinn gefälligst
lassen! Mit den Serben muß aufgeräumt werden
und zwar bald.] Vor allem müsse man sich
erst klar werden, was man wolle, denn ich hörte
bisher nur ganz unklare Gefühlsäußerungen. Dann
solle man die Chance irgendeiner Aktion sorgfältig erwä-
gen und sich vor Augen halten, daß Österreich-Ungarn
nicht allein in der Welt stehe, daß es Pflicht sei,
neben der Rücksicht auf seine Bundesgenossen die eu-
ropäische Gesamtlage in Rechnung zu ziehen und spe-
ziell sich die Haltung Italiens und Rumäniens in
allen Serbien betreffenden Fragen vor Augen zu hal-
ten.” [KWII: versteht sich alles von selbst und sind
Binsenweisheiten].

Auswärtiges Amt - Politisches Archiv R 19865: Die Entzifferung des Telegramms von Botschafter Tschirschky an Reichskanzler von Bethmann Hollweg vom 30. Juni 1914 mit Anmerkungen von Kaiser Wilhelm II. Mit freundlicher Genehmigung vom Auswärtigen Amt.

Auswärtiges Amt – Politisches Archiv R 19865: Die Entzifferung des Telegramms von Botschafter Tschirschky an Reichskanzler von Bethmann Hollweg vom 30. Juni 1914 mit Anmerkungen von Kaiser Wilhelm II. Mit freundlicher Genehmigung vom Auswärtigen Amt.

Warum ist Kaiser Wilhelm so ausgeflippt?

Kaiser Wilhelm II. war für seine explosiven Wutausbrüche und schulmeisternden Kommentare in seiner staatsgeschäftlichen Post bekannt. Möglicherweise haben das seine “Angestellten” gar nicht so schwer genommen. Zwei Tage nach dem Attentat von Sarajevo lagen ihm die Nerven außerdem vermutlich besonders blank. Der ermordete Franz Ferdinand war immerhin ein guter Freund von ihm gewesen. Erst Anfang Juni hatte er den Erzherzog noch auf dessen Schloss Konopischt in Böhmen besucht. Ob seine menschenverachtende Forderung “mit den Serben” müsse “aufgeräumt” werden nun ausschließlich überschäumender Wut zuzuschreiben war, wie vermutlich der Rest der Kommentare an Tschirschkys Telegramm? Oder brachte er damit eine tiefer wurzelnde politische Überzeugung zum Ausdruck? Vor dem Attentat von Sarajevo galt Kaiser Wilhelm auf jeden Fall Serbien gegenüber eher positiv eingestellt.

Carl Pietzner [Public domain], via Wikimedia Commons

Leopold Graf Berchtold, 1915

Seine eher plötzliche Meinungsänderung spielte in jedem Fall Leopold Graf Berchtold, dem Außenminister von Österreich-Ungarn, in die Karten. Berchtolds Meinung war es, Österreich-Ungarn müsse das Attentat an Erzherzog Franz Ferdinand mit einer Kriegserklärung an Serbien beantworten, da sonst vollkommenes Chaos im ohnehin schon auf der Zerreissprobe stehenden Vielvölkerstaat drohe. Für dieses Vorhaben wünschte sich der österreichisch-ungarische Außenminister aber die Unterstützung des bis unter die Dachkante gerüsteten Deutschen Kaiserreichs. Der fünfundfünfzigjährige deutsche Kaiser sollte seinem fast dreißig Jahre älteren Kollegen mit mehr als nur seinem jugendlichen Elan unter die Arme greifen. Die antiserbischen Kommentare Kaiser Wilhelms im Telegramm seines Botschafters in Wien waren ein Hinweis, dass sein Wunsch womöglich in Erfüllung gehen könnte.


QUELLEN: 
McMEEKIN, SEAN: Juli 1914; Europa Verlag GmbH & Co. KG, Berlin - München, 2014
OPENLIBRARY.ORG: Die deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch 1914, vollständige Sammlung der von Karl Kautsky zusammengestellten amtlichen Aktenstücke mit einigen Ergänzungen. URL[https://archive.org/stream/diedeutschendoku00germ#page/10/mode/1up], S. 10-11. Stand: 29.06.2014
DEUTSCHE BOTSCHAFT WIEN: Deutsche Botschafter in Österreich seit 1871. URL [http://www.wien.diplo.de/Vertretung/wien/de/02/Botschafter__und__Abteilungen/ehemalige__Botschafter/Seite__ehemalige__Botschafter.html]. Stand: 29.06.2014
THE NEW YORK TIMES - Heir to Austria’s throne is slain with his wife by a bosnian youth to avenge seizure of his country. URL [http://apps.beta620.nytimes.com/timesmachine/1914/06/29/issue.html]. Stand: 29.06.2014
AUSWÄRTIGES AMT - POLITISCHES ARCHIV: 7: Wien, 30. Juni 1914 - Botschafter von Tschirschky und Bögendorff an Reichskanzler von Bethmann Hollweg - Telegramm Nr. 212 (Bericht), Eingang: 2. Juli, nachmittags. PA AA, R 19865, Bl. 3. URL [http://dfg-viewer.de/show/?tx_dlf%5Bid%5D=http%3A%2F%2Fdownload.diplo.de%2F117%2FKautsky_online%2Fmets007.xml&tx_dlf%5Bpage%5D=1&tx_dlf%5Bdouble%5D=0&cHash=885f28effdd34e5b3f19a807a51ff178]. Stand 29.06.2014.
BILDNACHWEIS(E) - s.a. Credits beim Hovern über jeweiligem Bild:
PUBLIC DOMAIN, VIA WIKIMEDIA COMMONS: “Kaiser Wilhelm II., 1914 - im Alter von 55 Jahren”, “Heinrich Leonhard von Tschirschky und Bögendorff, 1906 - ein Jahr vor der Ernennung zum Deutschen Botschafter in Wien durch Kaiser Wilhelm II.”
AUSWÄRTIGES AMT - POLITISCHES ARCHIV R 19865: "Auswärtiges Amt - Politisches Archiv R 19865: Die Entzifferung des Telegramms von Botschafter Tschirschky an Reichskanzler von Bethmann Hollweg vom 30. Juni 1914 mit Anmerkungen von Kaiser Wilhelm II. Mit freundlicher Genehmigung vom Auswärtigen Amt."

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