5 STORIES ZUM ABSCHIED VON ERZHERZOG FRANZ FERDINAND

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Trauerfeierlichkeiten für Erzherzog Franz Ferdinand und Herzogin Sophie in Wien

Freitag, 03. Juli 1914 |

Fünf Tage nachdem Erzherzog Franz Ferdinand die Ausübung seiner Staatspflichten in Sarajevo mit einer tödlichen Kugel in den Hals quittiert bekommen hat, erleben Kaiser Franz Joseph, die drei Kindern des Toten, der Schriftsteller Karl Kraus, und zwei rivalisierende k. u. k. Politiker die Trauerfeierlichkeiten für den ermordeten Erzherzog und seine Frau aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln.

Kaiser Franz Joseph: Kein Ticket für die Familiengruft

kaiser franz joseph und seine brüder

Kaiser Franz Joseph im Geburtsjahr seines Neffen Franz Ferdinand (1863) mit seinen drei jüngeren Brüdern (von links nach rechts): Erzherzog Karl Ludwig (Franz Ferdinands Vater!), Kaiser Franz Joseph (sitzend), Erzherzog Maximilian (später Kaiser von Mexiko), Erzherzog Ludwig Viktor

Man könnte meinen, Kaiser Franz Joseph hätte nach dem Attentat von Sarajevo weder Geld noch Mühe gescheut, um dem ehemaligen zweiten Mann im Staat Österreich-Ungarn, einen würdevollen allerletzten Abschied zu ermöglichen. Wie Captain Kirk um Mr. Spock in The Wrath of Khan betrauerte der Kaiser den Tod seiner Nummer Zwei allerdings nicht. Zu Lebzeiten von Erzherzog Franz Ferdinand hatte er nämlich kein gutes Verhältnis zu seinem Thronfolger – um es deutlich zu sagen, vermutlich konnte Kaiser Franz Joseph den Toten nicht ausstehen. Da half auch nicht, dass Erzherzog Franz Ferdinand gleichzeitig auch der Neffe des Kaisers gewesen war.

hochzeitsfoto von erzherzog franz ferdinand und sophie chotek

Hochzeitsfoto von Erzherzog Franz Ferdinand und Gräfin Sophie Chotek im kleinen Kreis der Familie Chotek – aufgenommen am 01. Juli 1900 in Reichsstadt.

Ein wichtiger Grund für die schlechte Beziehung der beiden Männer aus dem Hause Habsburg war die Partnerwahl von Erzherzog Franz Ferdinand. Vierzehn Jahre vor seinem Tod, hatte der Thronfolger nämlich gegen den Willen des Onkels seine Freundin Sophie geheiratet, die nur von vergleichsweise niedrigem Adelsstand war und vor der Heirat als Hofdame gearbeitet hatte (siehe auch “1. Der 28. Juni war schon vor dem Attentat von Sarajevo nicht Franz Ferdinands Glückstag”). Der Kaiser verlieh der unerwünschten Ehefrau seines Neffen zwar den Titel einer Herzogin von Hohenberg, aber die Ehe galt dennoch als nicht standesgemäße morganatische Ehe (lat. für Ehe “zur zur linken Hand”). Die drei gemeinsamen Kinder waren aus diesem Grund von der Thronfolge ausgeschlossen.

Nun war das “ungleiche” Paar, das zwei Tage zuvor seinen 14. Hochzeitstag gefeiert hätte, tot, und diese Tatsache stellte den Kaiser vor ein paar Probleme bei der Organisation der Beerdigung. Ein Staatsbegräbnis kam zwar ohnehin nicht in Frage, da das nach österreichisch-ungarischem Staatsprotokoll nur dem Monarchen vorbehalten war. Normalerweise wäre Erzherzog Franz Ferdinand aber immerhin, so wie alle seine Verwandten, in der Kapuzinergruft unter der gleichnamigen Kirche am Neuen Markt in Wien zur letzten Ruhe gelegt worden. In die Familiengruft der Habsburger gehörte die Leiche von Franz Ferdinands unstandesgemäßer Ehefrau Sophie, der Meinung Kaiser Franz Josephs nach aber ganz und gar nicht – das war auch Franz Ferdinand zu Lebzeiten bereits bekannt. Als hätte der ermordete Erzherzog geahnt, dass er seinen über 80-jährigen Onkel nicht überleben würde, hatte er daher auf seinem Schloss Artstetten, 100 Kilometer westlich der Hauptstadt Wien, vorsorglich eine Privatgruft einrichten lassen, um dort im Falle des Falles gemeinsam mit seiner Ehefrau beerdigt werden zu können. Wie sich zeigte, war das Good Thinking, denn der Eintritt in die Kapuzinergruft blieb den sterblichen Überresten des Thronfolgerpaars in der Tat verschlossen. Obwohl Kaiser Franz Josephs Familie versucht hatte, den alten Mann umzustimmen, blieb der Kaiser bei seiner Entscheidung. Die Särge seines Neffen Erzherzog Franz Ferdinand und seiner angeheirateten Nichte Herzogin Sophie wurden nach Artstetten überführt und dort am Tag nach der Trauerfeier beigesetzt. Kaiser Franz Joseph blieb zu Hause in Wien und nahm nicht an der Beerdigung teil – da war er nicht der Einzige.

Die Kids von Erzherzog Franz Ferdinand: Blumengruß muss reichen

Die drei Kinder von Erzherzog Franz Ferdinand und Herzogin Sophie waren durch das Attentat von Sarajevo zu Vollwaisen geworden. Die Eltern hatten sie während ihrer Staatsreise “im tschechischen Ferienort Chlumetz bei Wittengau”[1] zurückgelassen, aber aus dem für Dienstag geplanten Wiedersehen wurde nichts. Am Tag vor den Trauerfeierlichkeiten vom 03. Juli 1914 waren die fast dreizehnjährige Sophie (*1901), der zwölfjährige Maximilian (*1902) und der zehnjährige Ernst (*1904) im 300 Kilometer weit entfernten Wien eingetroffen, um von ihren Eltern Abschied zu nehmen.[2] Dabei wurden ihnen aber ein paar Steine in den Weg gelegt. Die drei Teenager durften lediglich an der Trauerfeier in Wien teilnehmen. Zur Beerdigung ihrer Eltern nach Artstetten durften sie nicht fahren, sondern nur “einen Blumengruß schicken”.[3] Während es Franz Ferdinands Habsburger Familie zumindest mehr oder weniger geschlossen zu den Trauerfeierlichkeiten nach Wien geschafft hatte, gelang den gekrönten Häuptern Europas nicht einmal das.

 

Schriftsteller Karl Kraus: “Thronfolgerbegräbnis ist eben dritter Klasse, da gibts keine Würschtel”[4]

Nicht ein einziges Staatsoberhaupt aus dem Ausland fand seinen Weg auf die Trauerfeier zum Tod des österreichisch-ungarischen Thronfolgers am 03. Juli 1914. Nachdem auch Kaiser Wilhelm am Tag zuvor wegen eines – wie es offiziell hieß – plötzlichen Hexenschusses seine Reise nach Wien zur Trauerfeier abgesagt hatte, standen am 03. Juli 1914 noch genau Null Personen auf der Liste ausländischer Staatsgäste. Schön fand das die Wiener Bevölkerung nicht, sondern betrachtete den glanzlosen letzten Gang des Erzherzogs als eine “vertane Chance” für “politische Gespräche über die Folgen des Attentats”.[5] Das sah Schriftsteller und Satiriker Karl Kraus ähnlich und schrieb die Eindrücke von jenem Tag in den folgenden Jahren in seinem Werk “Die letzten Tage der Menschheit” auf. Seinen “Hofrat Nepalleck” lässt er mit einer “Exzelenz” am Telefon sprechen und darin jede Menge Anspielungen auf die Verhältnisse zu den Trauerfeierlichkeiten von Erzherzog Franz Ferdinand machen[4], wie z.B.:

  • “Begräbnis dritter Klasse – Versteht sich Exlenz – Exlenz können unbesorgt sein”[4]
  • “Exlenz können sich verlassen – nein, nein, keiner von die Monarchen”[4]
  • “A Großfürst war schon reisefertig, aber wir haben es zum Glück noch rechtzeitig verhindern können – ginget uns ab, die möchten uns da mit Aufklärungen – daß’ am End nur ja zu kan Krieg kommt”[4]
  • “Sehr gut, Exlenz, famos, Begräbnis dritter Klasse Nichtraucher”[4]
  • “Nach dem spanischen Zeremoniell solln mr ihnen auch noch das Begräbnis in Artstetten, nicht bloß die Zufuhr zur Westbahn – nicht wahr, unerhört – In unsere Kompetenz gehört nur die Kapuzinergruft, punktum!”[4]

Ein Monarch wurde von zwei österreichisch-ungarischen Politikern ganz besonders vermisst – aber aus vollkommen gegensätzlichen Gründen.

Ministerpräsident Tisza: Vermisst Kaiser Wilhelm

istvan tisza

Der ungarische Ministerpräsident István Tisza

Der ungarische Ministerpräsident mit dem eindrucksvollen Namen István (Stephan) Tisza Graf von Borosjenő und Szeged, war am 03. Juli 1914 besonders enttäuscht, dass Kaiser Wilhelm seine Reise nach Wien zur Trauerfeier so kurzfristig abgesagen musste. Hatte er doch geplant, dem Deutschen Kaiser von seiner Friedensinitiative zu berichten. Anders als viele seiner Politikerkollegen in der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn war Tisza nämlich entschieden dagegen, aufgrund der Ermordung von Erzherzog Franz Ferdinand einen Krieg mit Serbien anzuzetteln. Fünf Tage nach dem Attentat von Sarajevo waren die Zeitungen immernoch voll mit Spekulationen über eine vermeintliche Mitwisserschaft der serbischen Regierung um König Peter I. Der dreiundfünfzigjährige Politiker fand allerdings, dass Österreich-Ungarn nicht “ausreichend Grund” hatte, um “Serbien für das Verbrechen verantwortlich zu machen” und befürchtete, dass Österreich-Ungarn im Falle einer Kriegserklärung an Serbien “in den Augen der Welt als Friedensstörer” dastehen würde[6]. Die Kriegspartei um Außenminister Berchtold sah das allerdings etwas anders.

Außenminister Berchtold: Jetzt blos kein Kuschelkurs

Graf Berchtold, k. u. k. Gemeinsamer Minister des Äußeren Österreich Ungarns, behauptete er habe keine Einladungen zur Trauerfeier von Erzherzog Franz Ferdinand an ausländische Staatsoberhäupter verschickt, um dem “gebrechlichen” Kaiser “Franz Joseph eine längere und sicherlich sehr ermüdende Zeremonie zu ersparen” – womöglich hatte er aber ganz andere Motive[7]. Nach dem Attentat von Sarajevo vertrat er die Meinung, dass ein Krieg mit Serbien unvermeidlich sei und hatte am Freitag, den 03. Juli 1914 schon die ganze Woche über fleißig daran gesetzt, auch Kaiser Franz Joseph von seinen Ideen zu überzeugen. Um seine Überzeugungsarbeit mit dem Kaiser nicht zu untergraben, wollte Berchtold möglicherweise ausländische Staatsgäste ganz bewusst von Franz Ferdinands Trauerfeier fernhalten. Er könnte befürchtet haben, dass Franz Joseph sich mit dem ein oder anderen seiner Amtskollegen beim Leichenschmaus zu gut versteht und zu viel über eine friedliche Lösung des Konflikts mit Serbien spricht.

Von kleineren Skandalen in die große Krise

Mit der Trauerfeier von Erzherzog Franz Ferdinand am 03. Juli 1914 neigte sich Woche Eins nach dem Attentat von Sarajevo dem Ende zu. Der Thronfolger der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn würde in weniger als 24 Stunden unter der Erde sein. Die besucherarme Husch-Husch, Schnell-Schnell Art und Weise, mit der das geschah löste einen Skandal in Europa aus. Die große politische Krise, die Franz Ferdinands Ermordung ausgelöst hatte, und die Europa in den Ersten Weltkrieg führen würde, fing dagegen erst an.

FUSSNOTEN:
[1] McMEEKIN, SEAN: Juli 1914; Europa Verlag GmbH & Co. KG, Berlin - München, 2014, S. 25 
[2] GOETHE UNIVERSITÄT FRANKFURT AM MAIN - ZEITUNGEN UNIVERSITÄTSBIBLIOTHEK (UB): Bockenheimer Anzeiger vom 01.07.1914 - Meldungen auf S. 1 “Wien, 30.Juni” URL [http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/periodika/periodical/pageview/6242485] Stand: 02.07.2014 
[3] McMEEKIN, SEAN: Juli 1914; Europa Verlag GmbH & Co. KG, Berlin - München, 2014, S. 72 
[4] KRAUS, Karl: Die letzten Tage der Menschheit - Kapitel 2, 3. Szene, Monolog von Hofrat Nepalleck am Telefon, via SPIEGEL ONLINE - PROJEKT GUTENBERG 
[5] ECKERT, Georg; GEISS, Peter; KARSTEN, Arne: Die Presse in der Julikrise 1914 - Die internationale Berichterstattung und der Weg in den Ersten Weltkrieg. Münster: Aschendorff Verlag, 2014, S. 25 
[6] McMEEKIN, SEAN: Juli 1914; Europa Verlag GmbH & Co. KG, Berlin - München, 2014, S. 59 
[7] McMEEKIN, SEAN: Juli 1914; Europa Verlag GmbH & Co. KG, Berlin - München, 2014, S. 71

QUELLEN:
ECKERT, Georg; GEISS, Peter; KARSTEN, Arne: Die Presse in der Julikrise 1914 - Die internationale Berichterstattung und der Weg in den Ersten Weltkrieg. Münster: Aschendorff Verlag, 2014
McMEEKIN, SEAN: Juli 1914; Europa Verlag GmbH & Co. KG, Berlin - München, 2014
KRAUS, Karl: Die letzten Tage der Menschheit - Kapitel 2, 3. Szene, Monolog von Hofrat Nepalleck am Telefon, via SPIEGEL ONLINE - PROJEKT GUTENBERG. URL [http://gutenberg.spiegel.de/buch/4688/2]. Stand 02.07.2014
BBC: The First World War, 2003
GOETHE UNIVERSITÄT FRANKFURT AM MAIN - ZEITUNGEN UNIVERSITÄTSBIBLIOTHEK (UB): Bockenheimer Anzeiger vom 01.07.1914 - Meldungen auf S. 1 “Wien, 30.Juni” URL [http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/periodika/periodical/pageview/6242485] Stand: 02.07.2014

 

BILDNACHWEIS(E) - s.a. Credits beim Hovern über jeweiligem Bild:
PUBLIC DOMAIN, VIA WIKIMEDIA COMMONS: “Trauerfeierlichkeiten für Erzherzog Franz Ferdinand und Herzogin Sophie in Wien”, “Kaiser Franz Joseph im Geburtsjahr seines Neffen Franz Ferdinand (1863) mit seinen drei jüngeren Brüdern (…)”, “Hochzeitsfoto von Erzherzog Franz Ferdinand und Gräfin Sophie Chotek im kleinen Kreis der Familie Chotek - aufgenommen am 01. Juli 1900 in Reichsstadt.”, “Prinzessin Sophie”, “Prinz Maximilian”, “Prinz Ernst”, “Der ungarische Ministerpräsident István Tisza”

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