NIKOLAI HARTWIG: TOD IN DER BOTSCHAFT

Neues Wiener Journal berichtet am Folgetag über die skandalträchtigen Umstände von Nikolai Hartwigs Tod am 10. Juli 1914

Freitag, 10. Juli 1914 |

Das auch noch! Ein Skandal um den russischen Gesandten Nikolai Hartwig in der belgrader k. u. k. Botschaft heizt den Gerüchtekessel an.

Angespannte Beziehungen zwischen Wien und Belgrad

Österreich-Ungarn und Nachbarland Serbien hatten auch vor dem Attentat von Sarajevo bereits seit Jahren Schwierigkeiten miteinander. Während die Doppelmonarchie verzweifelt versuchte ihren Vielvölkerstaat zusammenzuhalten, galt Serbien unter der Schirmherrschaft des Russischen Kaiserreichs als führender Vertreter des panslawistischen Gedankens: Einer Bewegung, die eine kulturelle, religiöse und politische Einheit aller slawischen Völker anstrebte. Die von Österreich-Ungarn seit 1908 besetzten Gebiete Bosnien-Herzegowinas waren Serbien daher ein Dorn im Auge, und die Unzufriedenheit über den k. u. k. Einfluss auf dem Balkan gipfelte am 28. Juni 1914 in der Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand. Ein paar Tage später sollte der Erzherzog nicht mehr das einzige prominente Todesopfer sein, das das Beziehungskonto zwischen Österreich-Ungarn und Serbien schwer belastete.

Nikolai Hartwig: Happy-Assassination-Party in der russischen Botschaft

Ganz und gar nicht traurig über die Sache mit dem ermordeten Thronfolger, zeigte sich der russische Botschafter in Belgrad: Nikolai Hartwig. Anstatt – wie alle anderen Gesandten in der serbischen Hauptstadt – die Fahne vor seiner Botschaft auf Halbmast hängen zu lassen, lud er am Abend des 28. Juni zu einer kleinen Party ein. Seinen Gästen erzählte der als glühender Panslawist geltende Diplomat nur wenige Stunden nach dem Attentat davon, dass der Tod des Erzherzogs ein “Segen”[1] wäre. Offenbar hatte Nikolai Hartwig weitaus mehr für die mutmaßlichen Motive der Attentäter von Sarajevo übrig, als für den verstorbenen Erzherzog und machte kein Geheimnis aus seinen Gefühlen.

Anstandsbesuch beim k. u. k. Kollegen

Bildarchiv Austria: http://www.bildarchivaustria.at/Pages/ImageDetail.aspx?p_iBildID=12203510

Der k. u. k. Gesandte in Belgrad Freiherr Wladimir Giesl von Gieslingen

Zunächst dachte Nikolai Hartwig dementsprechend überhaupt nicht daran, dem k. u. k. Botschafter in Belgrad, Freiherr Wladimir Giesl von Gieslingen, einen Besuch abzustatten, um Österreich-Ungarn im Namen des Russischen Kaiserreichs sein Beileid über den Tod des Erzherzogs auszusprechen. Eine gute Ausrede dafür sich nicht blicken zu lassen hatte er zunächst auch: Der österreichisch-ungarische Botschafter musste nämlich kurz nach Franz Ferdinands Ermordung nach Wien reisen und war daher überhaupt nicht in der Stadt. Zehn Tage nach dem Attentat von Sarajevo kehrte Giesl allerdings wieder an seinen Arbeitsplatz in Belgrad zurück, und nun konnte sich auch Nikolai Hartwig nicht mehr länger gegen einen kleinen Anstandsbesuch wehren.

Zwanzig Minuten später war der Mann tot

Am Freitagabend, den 10. Juli 1914, waren der russische Botschafter Hartwig und der österreichisch-ungarische Botschafter Giesl gegen 21:00 Uhr in der belgrader k. u. k. Botschaft verabredet. Obwohl das kein Treffen unter Freunden war, gingen beide Männer auf diplomatischen Schmusekurs. Hartwig drückte seinem wohlgesonnenen Kollegen gegenüber sein Mitgefühl aus und wiegelte bezüglich der Party am Abend des Attentats und der fehlenden Flagge auf Halbmast ab. Gerade verstand man sich wieder so gut – oder tat zumindest so – da passierte gegen 21:20 Uhr etwas höchst Merkwürdiges: Nikolai Hartwig brach in der österreichisch-ungarischen Botschaft zusammen und war kurz darauf tot.

Der Tropfen, der das Fass …

Das überraschende Ableben des russischen Botschafters in der k. u. k. Botschaft machte auf die Belgrader Bevölkerung überhaupt keinen guten Eindruck. Schon am nächsten Tag brodelte die Gerüchteküche. Der Verdacht: Giesl habe etwas mit dem plötzlichen Tod von Nikolai Hartwig zu tun. Der Vorfall vom 10. Juli 1914 belastete die ohnehin schon katastrophal schlechte Beziehung zwischen Serbien und Österreich-Ungarn zusätzlich schwer. Fast war es ein bisschen so, als wäre Nikolai Hartwig absichtlich tot in der k. u. k. Botschaft umgefallen, um die Österreicher damit zu ärgern.


FUSSNOTEN: 
[1] McMEEKIN, SEAN: Juli 1914; Europa Verlag GmbH & Co. KG, Berlin - München, S. 78, 2014

 

QUELLEN: 
PROTOKOLLE DES GEMEINSAMEN MINISTERRATES DER ÖSTERREICHISCH-UNGARISCHEN MONARCHIE (1914-1918): Publikationen des Ungarischen Staatsarchivs II., Quellenpublikationen 10., Budapest 1966, S.141-150.]; via Ungarisches Institut [http://ungarisches-institut.de/dokumente/pdf/19140707-1.pdf], Stand 06.07.2014
McMEEKIN, SEAN: Juli 1914; Europa Verlag GmbH & Co. KG, Berlin - München, 2014

 

BILDNACHWEIS(E) - s.a. Credits beim Hovern über jeweiligem Bild:
ÖSTERREICHISCHE NATIONALBIBLIOTHEK: "Neues Wiener Journal berichtet am Folgetag über die skandalträchtigen Umstände von Nikolai Hartwigs Tod am 10. Juli 1914". URL [http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=nwj&datum=19140711&seite=1&zoom=33] Stand 07.07.2014
BILDARCHIVAUSTRIA: “Der k. u. k. Gesandte in Belgrad Baron Wladimir Giesl von Gieslingen” URL [http://www.bildarchivaustria.at/Pages/ImageDetail.aspx?p_iBildID=12203510], Stand 09.07.2014

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