DIE WILLY-NICKY-TELEGRAMME

Beim Uniformtausch 1905 war noch alles in Ordnung: Kaiser Wilhelm II. in russischer Uniform (links) und Zar Nikolaus II. in preußischer Uniform (rechts)

Mittwoch, 29. Juli 1914 |

Freund oder Feind? Kaiser Wilhelm und sein Cousin Zar Nikolaus befinden sich kurz vor einem Krieg gegeneinander. Sie tauschen am 29. Juli 1914 mehrere Telegramme über den Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien aus, bei dem sie aufgrund ihrer Bündnisverpflichtungen auf unterschiedlichen Seiten stehen. Die liebevollen Abschiedsfloskeln und die Kosenamen “Willy und Nicky”, welche die beiden Männer in ihren Nachrichten verwenden, können nicht über den Ernst der Lage hinwegtäuschen.

Willy und Nicky

Bundesarchiv, Bild 183-R15121 / CC-BY-SA [CC-BY-SA-3.0-de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons

Willy (rechts) und Nicky (Zweiter von rechts) im Jahr 1910 auf der Hofjagd anlässlich des Besuchs des Zaren in Deutschland

Kaiser Wilhelm II. war mit Zar Nikolaus II. verwandt:

  • zum Einen direkt, da beide Ur-Ur-Großenkel von Paul I. von Russland und damit Cousins dritten Grades waren, und
  • zum Anderen indirekt, da Kaiser Wilhelm II. ein Cousin ersten Grades von Zar Nikolaus’ II. Ehefrau, Alix von Hessen war.

Der Deutsche Kaiser und der russische Zar schrieben und unterhielten sich auf Englisch und nannten sich vertraut bei ihren Spitznamen “Willy” und “Nicky”. Im Juli 1914 verschlechterte sich die Stimmung zwischen den beiden Cousins, da der Deutsche Kaiser im durch das Attentat von Sarajevo aufgefrischten Balkan-Konflikt Österreich-Ungarn unterstützte, während der Russische Zar auf der Seite Serbiens stand. Am 29. Juli 1914 war die österreichisch-ungarische Kriegserklärung an Serbien nur wenige Stunden alt und führte zu einem angespannten Schriftverkehr zwischen Kaiser Wilhelm II. und Zar Nikolaus II.

Nicky an Willy: “Ein unwürdiger Krieg”

Am 29. Juli 1914 schrieb Zar Nikolaus II. aus St. Petersburg an seinen Cousin “Sa Majesté l’Empereuer” Kaiser Wilhelm II. im Neuen Palais in Potsdam:

“Ich bin froh, daß Du zurück bist.[1] In diesem äußerst ernsten Augenblick wende ich mich an Dich um Hilfe. Ein “ignoble war” (unwürdiger Krieg) ist an ein schwaches Land erklärt worden. Die Entrüstung in Rußland, die ich völlig teile, ist ungeheuer. Ich sehe voraus, daß ich sehr bald dem auf mich ausgeübten Druck erliegen und gezwungen sein werde, äußerste Maßnahmen zu ergreifen, die zum Kriege führen werden. Um ein solches Unheil wie einen europäischen Krieg zu verhüten, bitte ich Dich im Namen unserer alten Freundschaft, alles Dir Mögliche zu tun, um Deinen Bundesgenossen davon zurückzuhalten, zu weit zu gehen.

Nicky”[2]

Das Schreiben seines Cousins kommentierte Kaiser Wilhelm mit Entrüstung:

“Eingeständnis der Schwäche seiner selbst, und Versuch die Verantwortung zuzuschieben. Das Telegramm enthält eine versteckte Drohung! Und einem Befehl ähnliche Aufforderung dem Allierten in den Arm zu fallen. Falls Ew. Exz. Mein Telegramm gestern Abend abgesandt haben,[3] muß es sich mit diesem gekreuzt haben. Wir werden nun sehen, wie das meine wirkt. Der Ausdruck “ignoble war” läßt nicht auf monarchisches Solidaritätsgefühl beim Zaren schließen, sondern auf eine panslawische Auffassung; d. h. die Sorge vor einer capitis diminutio auf dem Balkan im Falle Österr. Erfogle. Diese könnten ruhig in ihrer Gesamtwirkung erst abgewartet werden. Es ist später immernoch Zeit zum Verhandeln und eventl. zum Mobilmachen, wozu jetzt gar kein Grund für Rußland ist. Statt uns die Sommation zu stellen, den Alliierten zu stoppen, sollte S. M. sich an den Kaiser Franz Josef wenden und mit ihm verhandeln, um die Absichten S. M. kennen zu lernen. Sollten wir nicht Copien der beiden Telegramme an S. M. den König nach London zur Information gesandt werden? Die Sorgen machen Antimilit. Umtriebe in den Straßen, das darf nicht geduldet werden, jetzt auf keinen Fall; im Wiederholungsfalle werde ich Belagerungszustand proklamieren und die Führer samt und sonders tutti quanti einsperren lassen. Loebell udn JAgow dahin instruieren. Wir können jetzt keine Soz. Propaganda mehr dulden! Wilhelm”[4]

Willy an Nicky: “Direkte Verständigung Deiner Regierung und Wien”

Kaiser Wilhelm antwortete Zar Nikolaus auf sein Telegramm noch am selben Tag:

“Ich habe Dein Telegramm erhalten und teile den Wunsch nach Erhaltung des Friedens. Allein, wie ich Dir in meinem ersten Telegramm gesagt habe, kann ich Österreichs Vorgehen gegen Serbien nicht als einen unwürdigen Krieg ansehen. Österreich weiß aus Erfahrung, daß serbische Versprechungen auf dem Papier gänzlich unzuverlässig sind. Meiner Ansicht nach ist Österreichs Aktion dahin zu beurteilen, daß sie volle Bürgschaft dafür zu schaffen anstrebt, daß die serbischen Versprechungen auch wirklich zur Tat werden. Diese meine Auffassung wird bestätigt durch die Erklärung des österreichischen Kabinetts, daß Österreich nicht beabsichtigt, irgendwelche territorialen Eroberungen auf Kosten Serbiens zu machen. Ich rege daher an, daß es für Russland durchaus möglich wäre, bei dem österreichisch-serbischen Konflikt in der Rolle des Zuschauers zu verharren, ohne Europa in den entsetzlichsten Krieg zu verwickeln, den es je gesehen hat. Ich halte eine direkte Verständigung zwischen Deiner Regierung und Wien für möglich und wünschenswert und, wie ich Dir schon telegraphiert habe, setzt meine Regierung ihre Bemühungen fort, diese Verständigung zu fördern. Natürlich würden militärische Maßnahmen von Seiten Russlands, die Österreich als Drohungen ansehen würde, ein Unheil beschleunigen, das wir beide zu vermeiden wünschen, und meine Stellung als Vermittler gefährden die ich auf Deinen Appell an meine Freundschaft und meinen Beistand bereitwillig übernommen habe. 

Willy.”[5]

Nicky an Willy: “Bitte Dich, diese Verschiedenheit aufzuklären”

So leicht wollte Zar Nikolaus seinem Cousin nicht nachgeben:

“Danke für Dein versöhnliches und freundschaftliches Telegramm. Dagegen war die heute von Deinem Botschafter meinem Minister übergebene offizielle Mitteilung in einem ganz anderen Ton gehalten. Bitte Dich, diese Verschiedenheit aufzuklären. Es würde sich empfehlen, das österreichisch-serbische Problem der Haager Konferenz vorzulegen. Vertraue auf Deine Weisheit und Freundschaft. 

Dein Dich liebender Nicky”[6]

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FUSSNOTEN:
[1] Kaiser Wilhelm war erst am 27. Juli 1914 aus dem Urlaub zurückgekehrt.
[2] DER ZAR AN DEN KAISER, via OPENLIBRARY.ORG: Die deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch 1914, S. 49. Telegramm Nr. 332 vom 29. Juli 1914, Übersetzung.
[3] DER ZAR AN DEN KAISER, via OPENLIBRARY.ORG: Die deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch 1914, S. 51. Telegramm Nr. 335 vom 28. Juli 1914, Übersetzung: “Der Kaiser an den Zaren, Berlin, den 28. Juli 1914, Mit der größten Beunruhigung höre ich von dem Eindruck, den das Vorgehen Österreichs gegen Serbien in Deinem Lande hervorruft. Die gewissenlose Wühlarbeit, die seit Jahren in Serbien am Werke war, hat schließlich zu dem abscheulichen Verbrechen geführt, dem Erzherzog Franz Ferdinand zum Opfer gefallen ist. Der Geist, der die Serben zu Mördern ihres eigenen Königs und seiner GEmahlin machte, herrscht noch im Lande. Du stimmst sicher mit mir darin überein, daß wir beide, Du und ich, sowie alle Souveräne ein gemeinsames Interesse daran haben, darauf zu bestehen, daß alle für diesen feigen MOrd moralisch verantwortlichen Personen ihre verdiente Strafe erhalten. In diesem Falle spielt die POlitik keinerlei Rolle. Andererseits verstehe ich vollkommen, wie schwierig es für Dich und Deine Regierung ist, den Strömungen Eurer öffentlichen Meinung entgegenzutreten. Im Hinblick auf die herzliche und innige Freundschaft, die uns beide seit langem mit festem Bande verbindet, biete ich daher meinen ganzen Einfluß auf, um Österreich zu veranlassen, durch sofortiges Handeln zu einer befriedigenden Verständigung mit Dir zu kommen. Ich hoffe zuversichtlich, daß Du mich in meinen Bemühungen unterstützen wirst, die Schwierigkeiten, die noch entstehen können, zu beseitigen. Dein sehr aufrichtiger und ergebener Freund und Vetter Willy”
[4] DER ZAR AN DEN KAISER, via OPENLIBRARY.ORG: Die deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch 1914, S. 48. Telegramm Nr. 332 vom 29. Juli 1914.
[5] DER KAISER AN DEN ZAREN, via OPENLIBRARY.ORG: Die deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch 1914, S. 78. Telegramm Nr. 335 vom 29. Juli 1914, Übersetzung.
[6] DER ZAR AN DEN KAISER, via OPENLIBRARY.ORG: Die deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch 1914, S. 84. Telegramm Nr. 335 vom 28. Juli 1914, Übersetzung.

QUELLEN: 
OPENLIBRARY.ORG: Die deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch 1914, vollständige Sammlung der von Karl Kautsky zusammengestellten amtlichen Aktenstücke mit einigen Ergänzungen. URL [https://archive.org/stream/diedeutschendoku02germ#page/48/mode/1up], S. 48, S. 50-51, S.77-78, 84; Stand: 28.07.2014
BILDNACHWEIS(E) - s.a. Credits beim Hovern über jeweiligem Bild:
BUNDESARCHIV, BILD 183-R15121 / CC-BY-SA [CC-BY-SA-3.0-DE (HTTP://CREATIVECOMMONS.ORG/LICENSES/BY-SA/3.0/DE/DEED.EN)], VIA WIKIMEDIA COMMONS: “Da war noch alles in Ordnung: Willy und Nicky im Jahr 1910 auf der Hofjagd anlässlich des Besuchs des Zaren in Deutschland”
BUNDESARCHIV, BILD 183-R43302 / CC-BY-SA [CC-BY-SA-3.0-DE (HTTP://CREATIVECOMMONS.ORG/LICENSES/BY-SA/3.0/DE/DEED.EN)], VIA WIKIMEDIA COMMONS: “Uniformtausch 1905: Kaiser Wilhelm II. in russischer Uniform und Zar Nikolaus II. in preußischer Uniform”

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