“KRIEGSBRIEFE DEUTSCHER STUDENTEN”

Philipp Witkop, Herausgeber von “Kriegsbriefe deutscher Studenten” (Ersterscheinung 1915, ab 1918 als “Kriegsbriefe gefallener Studenten” neu aufgelegt), wird 1916 ebenfalls zum Kriegsdienst eingezogen, und arbeitet bis zum Kriegsende als Herausgeber der “Kriegszeitung der 7. Armee”

Mittwoch, 26. Mai 1915 |

Der Leutnant Arthur Graf von Gröben aus Freiburg stirbt in einem Lazarett im polnischen Jaroslau an einer Kriegsverletzung. Zweieinhalb Wochen vor seinem Tod schrieb der 33-jährige Doktor der Philosophie einen Brief von der Front in Galizien, der später in der Sammlung von Feldpostbriefen “Kriegsbriefe deutscher Studenten” vom Freiburger Germanistikprofessor Philipp Witkop herausgegeben wird:

“Galizien, den 8. Mai 1915. Es war ein wundervolles Bild, das ich am 1. Mai abends vor mir hatte. Die Sonne ging hinter den aufleuchtenden weiß-roten Gipfeln der Tatra unter, ich glaubte nicht, einen Wald so mit Gold und Farben durchflossen gesehen zu haben wie der, in dem ich eben an einem mit Veilchen, Butterblumen und Gänseblümchen bestandenen Hange saß. Aber es war vielleicht nur die Idee, die alles verklärte: ganz unwahrscheinlich ist es nicht, daß dies mein letzter Abend überhaupt ist. Denn ganz allein saß ich nicht, wir waren zu fünfen, und einer, der Bataillonskommandeur, dik tierte gerade die mich persönlich nahe angehenden Worte: ,, Also Punkt IO Uhr morgens nach der genau festzustellenden Zeit stürmt die 8. Kompagnie die Höhe 382 und dann 376 usw. Die Höhe 382 mit Zugangswegen und den Hindernissen ist Ihnen zur Genüge bekannt?” Das war sie allerdings, denn seit einer Reihe von Tagen wechselte die 8. Kompagnie, deren Führer ich bin, mit einer anderen in der Besetzung eines erst russischen, dann österreichischen Schützengrabenstreifens ab, der 80 m vor der Höhe 382 endete, auf der sich hintereinander drei russische Gräben hinzogen. Die ganze Nacht verbrachte ich wachend, denn die Russen, durch das anhaltende Einschießen unserer Artillerie nervös gemacht, schossen derart auf meinen Graben, daß ich fast einen russischen Sturm in der Nacht befürchtete — oder auch erhoffte. Denn Glück hätten sie damit nicht gehabt. Am Morgen Punkt 6 Uhr begann ein Höllenkonzert. Die deutsche und österreichische Artillerie hatte sich an den vorhergehenden Tagen genau eingeschossen, und jetzt rasten mit dem jedem Geschoß eigentümlichen Geräusch — Heulen, Singen , Pfeifen, Brummen, ohren betäubendem Krachen — Schrapnells und Granaten in die russische Stellung. Die unbeschreiblich widerwärtig aussehenden grau-schwarzen Einschläge der Granaten, weiße deutsche Schrapnellwolken, weiß-rote österreichische Sprenggeschoßwolken verhüllten den Russengraben, aus dem unaufhörlich das Rollen des Gewehrfeuers und das einförmige Ticken der Maschinengewehre tönte. Eine unendlich lange Viertelstunde lag ich von 9,45 Uhr bis 10 Uhr an einer der Sturmluken meines Grabens, die Uhr in der Hand, die Führerpfeife im Munde. Ab und zu fragte leise in ungewohnter Vertraulickeit ein Grenadier: „Noch nicht bald, Herr Graf?” „Nein, noch fünf — noch zwei — noch anderthalb Minuten.” — Dann drei gellende Pfiffe — und ich weiß nur noch von einem rasenden Vorwärts, Hurragebrüll, wildem Angstschreien der völlig zerschmetterten Russen — ich heule geradezu meine Befehle — endlich sitze ich im Walde — schreibe, ja schreibe die korrekte Meldung an Herrn Hauptmann v. B., Führer des 2. Bataillons,. .. G.-R. z F.: „Habe die Höhe 382 soeben genommen, geringe Verluste, gehe weiter vor. Graf Groeben, Leutnant und Kompagnieführer.” Weiter — plötzlich kurz vor der Höhe 376 im Walde ein Schlag, ich stürze nach vorn, ebenso der Führer des Zuges, bei dem ich bin, dicke Bäume knicken wie Rohre, der scheußliche, schwarzgraue Staub zweier einschlagender Granaten verhüllt alles — unsere eigene oder die österreichische Artillerie weiß nicht, daß wir schon so weit vor sind, und wir sind im eigenen Feuer. Gott sei Dank, hat uns nur der Luftdruck umgeworfen, das Seitengewehr auf meinem Karabiner ist zerschossen, und ich habe einen kleinen Holzsplitter im Gesicht — einen Mann mit einer neuen Meldung zurückgejagt — weiter! Höhe 376 ist genommen. Wer ist noch bei mir — Soldaten vom an deren Regiment, ein versprengter Leutnant einer anderen Kompagnie, der mit drei Mann dieser noch voraus ist — ich brülle: „Alles hört auf mein Kommando — halbrechts auf der offenen Lichtung Schützenvisier 1200/1100, Schützen feuer!” Zu weit! „Visier 1000/1100, lebhafter feuern! lebhafter!!”— meine Stimme überschlägt sich — ich pfeife, versuche weiter zu brüllen — schießen — weiterstürmen alles verliert sich wieder im Gedächtnis. Maschinengewehre kommen, der Leutnant, der sie führt, ersucht mich, ihn zu decken, da wir von beiden Seiten in die allerdings total zerrissene Russenfront geraten sind — er jagt noch ein paar scharfe Grüße in die wild zurückflutenden graugrünen Massen, dann sammeln wir uns allmählich nach der von uns längst überschrittenen vordersten Grenze, die unserem Vordringen eigentlich gesetzt war. Mein erstes Gefühl war nicht Siegesfreude, sondern Furcht vor „Anpfiff”. Aber trotzdem — 600 Gefangene, 3 Maschinengewehre usw. — bekomme im Augenblick Befehl, Höhe 357 und nordwärts davon zu stürmen. Also Schluß. Vielleicht Abschied! Artur Graf v. d. Groeben †.”

QUELLEN:
WIKIPEDIA.ORG; WITKOP, PHILIPP: KRIEGSBRIEFE DEUTSCHER STUDENTEN, 1916 (DIGITALISIERTE VERSION) VIA STAATSBIBLIOTHEK ZU BERLIN - STABIKAT.DE; WELTKRIEGSOPFER.DE
BILDNACHWEIS(E):
PHILIPP WITKOP - PORTRÄT (VERMUTLICH AUS DEN 20ER JAHREN) - QUELLE: NACHFAHREN PHILIPP WITKOPS, AUS HERBERT KNORR - ZWISCHEN POESIE UND LEBEN - GESCHICHTE DER GELSENKIRCHENER LITERATUR UND IHRER AUTOREN VON DEN ANFÄNGEN BIS 1945, VIA GELSENKIRCHENER-GESCHICHTEN.DE

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